Griechenland beflügelt seit jeher die Deutschen

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Documenta 14 : Die Kunst klagt an
Guillermo Galindo hat Wracks von Flüchtlingsbooten in Musikinstrumente verwandelt.
Guillermo Galindo hat Wracks von Flüchtlingsbooten in Musikinstrumente verwandelt.Foto: Boris Roessler/dpa

Von hier aus spinnt Eichhorn ihre Fäden in verschiedene Richtungen, mal zur Kasseler Sammlung Alexander Fiorino, die den Erben durch die Nationalsozialisten entwendet wurde, mal zum Fall Gurlitt. Sie spricht mit David Toren, an den das prominenteste Werk aus der Sammlung des NS-Händler-Sohns restituiert wurde, Max Liebermanns „Reiter am Strand“. Im Interview mit der Künstlerin zeigt sich Toren davon überzeugt, dass die Nachfahren von Cornelius Müller Hofstede, der das Bild damals an Hildebrand Gurlitt vermittelte, noch weitere Werke der geraubten Sammlung seines Onkels besitzen. Dieser ungeheure Vorwurf setzt das Drama Gurlitt fort, er wird selber zum Ausstellungsstück und könnte manch anderem Privatbesitzer in den Ohren schallen.

Die Ausstellung in der Neuen Galerie nimmt diese Fährte auf, um sich der Gründungsgeschichte der Documenta zu nähern. In der Nachkriegszeit gehörte Gurlitt als Düsseldorfer Kunstvereinsdirektor wieder zu den Playern des Kulturbetriebs. Die Documenta war zur Rehabilitation der jungen Bundesrepublik gedacht, Kunst zum Zweck der re-education. Hier allerdings geraten Szymczyk und seine Kuratoren ins Stolpern, mischen sie doch Griechenland-Bezüge hinein, die nur für Kenner zu entschlüsseln sind. In einem Raum hängt Gerhard Richters Bild des Documenta-Gründers Arnold Bode, im anderen finden sich Zeichnungen, die wiederum Bode von der Akropolis schuf.

Griechenland beflügelt seit jeher die Deutschen, ob sie es besuchten oder nicht, wie Johann Joachim Winckelmann, Begründer der Kunstgeschichtsschreibung, oder jener NS-Maler, dessen schlichtes Gemälde des Parthenon sich im selben Raum befindet. Und draußen, auf dem Friedrichsplatz, der „Parthenon der verbotenen Bücher“, eine allerdings alte Arbeit aus Argentinien von 1983.

An keinem Hauptausstellungsorte der Documenta in Kassel gelingen Setzungen

Solche ziselierten Bezugnahmen wiederholen sich auf der Documenta allenthalben. Im benachbarten Palais Bellevue geht es mal ums Grün, mal um die Wüste. Der Kolumbianer Abel Rodriguez zeichnete den überfluteten Regenwald, die Bosnierin Lala Meredith-Vula fotografiert Heuhaufen ihrer Heimat, der Dresdner Olaf Holzapfel beschäftigt sich mit Hecken, der Israeli Roee Rosen präsentiert einen Musikfilm, in dem ein Staubsauger eine Rolle spielt. Das kommt alles klein, fein, gepinselt daher und dürfte schnell wieder in Vergessenheit geraten, wie jene Berlin Biennale 2010, die Szymczyk mitverantwortete und die den Titel „Wenn Dinge keine Schatten werfen“ trug. Die Documenta widmet sich zwar den großen Themen mit dem Brustton der Gesellschaftskritik, doch findet sie kaum starke Bilder. Mit Ausnahme einiger Arbeiten zum Flüchtlingsthema, wie den Wracks der Mittelmeerboote in der Documenta Halle, die Guillermo Galindo zu Musikinstrumenten umfunktioniert hat, oder der Röhren-Installation des in Berlin lebenden Irakers Hiwa K auf dem Friedrichsplatz, nachempfunden seinem eigenen Unterschlupf damals auf der Flucht.

An keinem der Hauptausstellungsorte gelingen Setzungen. Das liegt auch an der historischen Rückbesinnung, die die Documenta betreibt. Von 230 Künstlern ist ein Drittel tot, von den 160 Lebenden keiner unter 30 und nur ein Dutzend unter 40 Jahre alt. Das bedeutet, diese Schau ist alles andere als jung, als Barometer der aktuellen Kunst taugt sie nur bedingt. Allein in der Neuen Hauptpost, die neckisch unter Neue Neue Galerie firmiert, wird Temperament spürbar. Das mag auch an der Umgebung liegen, der Nordstadt, wo Menschen aus 150 Ländern leben und gesellschaftliche Umwälzungen am deutlichsten spürbar sind. Der riesige Bau selbst wird längst nicht mehr nur von der Post genutzt, die Flüchtlingshilfe der Diakonie und ein Fitnessunternehmen sind Mieter.

Documenta 14 in Kassel
Die 14. Documenta in Kassel geht los. Großes Thema auf der Weltausstellung sind die Migranten und die Flüchtlinge in Europa, mit der sich viele der teilnehmenden Künstler und Künstlerinnen beschäftigen. So auch der Mexikaner Guillermo Galindo.Weitere Bilder anzeigen
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08.06.2017 11:54Die 14. Documenta in Kassel geht los. Großes Thema auf der Weltausstellung sind die Migranten und die Flüchtlinge in Europa, mit...

Wie sich Vergangenheit und Gegenwart verweben, wie Kontinente in Bewegung geraten, das zeigt in der großen Posthalle auf eindrucksvolle Weise Theo Eshetu, der das einst auf der Fassade der Dahlemer Museen prangende Banner verarbeitete hat. Die meterlange Bahn mit dem Schriftzug der fünf in den Museen vertretenen Regionen Afrika, Asien, Amerika, Ozeanien, Europa und der Abbildung riesiger Masken verändert sich permanent durch Projektionen. Plötzlich kombinieren sich die Namen neu, blinzelt ein junges Gesicht aus einer alten Maske hervor, alte Weltordnung wird ausgehebelt. Das macht Angst, wirkt gespenstisch, wenn sich eine Fratze belebt, die globale Bilderwelt entfesselt wird.

Von solchen Fantasmagorien, visuellen Experimenten wünschte man sich mehr. Zwar ist die Documenta ausgezogen, um sich zu öffnen, am Ende aber macht die Weltausstellung sich klein.

Bis 17.9., tgl. 10–20 Uhr, in Athen bis 16. Juli (Di–So, 11–21 Uhr). Infos zu Tickets und Programm: www.documenta14.de

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