Kultur : Donauwalzer

Die Wiener Philharmoniker mit Thielemann in Berlin

Christine Lemke-Matwey

Der Mann ist schwerst verliebt. Schüttelt Herzblut aus dem linken Frackärmel, dass es nur so pulst und pocht und rauscht. Versetzt den Bratschen Nasenstüber, den Celli zarte Hüftschwünge, sinkt vor dem Duett der Hörner und Harfen ergriffen in die Knie, tätschelt und peitscht das Blech. Und bekennt schon mit süß-selig-versunkenem Auftrittslächeln in der Berliner Philharmonie: Wien, ach Wien. Nur du allein.

Christian Thielemann mag in der Seele Preuße sein, Nordmensch und ruppig, er mag das Bayreuther Festspielorchester ehren, den Berlinern die Treue halten und mit den Münchnern gut leben: Sein innigstes Begehren gilt doch den Wiener Philharmonikern. Der morbiden Zuckrigkeit ihres Streichersounds, dem Naturlautweben ihrer Bläser und vor allem jener totalen Klangaffirmation, die aus ungebrochenem Traditionsgeist sich nährt, aus Selbstvertrauen und Autonomie. Derart rattenfängerisch, ja heilsversessen-kulinarisch einem zerklüfteten Ungetüm wie Bruckners Achter zu Leibe zu rücken – eine lockende, lohnende Vorstellung. Denn wer traute sich das heute noch?

Vitaler, viriler, besser geerdet jedenfalls dürfte man diese Symphonie kaum je gehört haben. Keine Spur vom „traumverwirrten Katzenjammerstil“, den der böse Hanslick einst böse beklagte, allerdings auch wenig Wagnerscher Todesverkündigungsdunst, den sich Bruckner persönlich für den Kopfsatz ausmalte. Wie einzelne Gipfel im Alpenglüh’n hebt Thielemann hier die Themen ans Licht, konvulsivisch überschlagen sich die Fortissimi, krachen die Harmonien, während Solo- Horn und Oboe mittendrin ein prophetisches Stelldichein à la Richard Strauss feiern und der Schluss stockend, ja atemlos im Misterioso erstirbt.

Das Scherzo (dem „deutschen Michel“ gewidmet!) scheint diesen Beginn an Gesundheit noch übertrumpfen zu wollen: Flott und ungewöhnlich locker besinnt sich Thielemann aufs Tänzerisch-Heitere der Satzbezeichnung, und die Wiener hängen lechzend an seinen Lippen. Was allerdings nach dem Trio, nach aller romantischen Innenschau hier anders sein soll, ja ob Bruckners Autismen überhaupt Einsprüche, Welt, Gesang dulden – das will sich nicht recht erschließen.

In den 30 Minuten des Adagios wiederum merkt man die Absicht und ist verstimmt. Eine so himmlisch lange „Ausdrucksmusik“, da hätte es neben perfekten Crescendi und viel Seelenvibrato wohl mehr Gerüstarbeit, mehr Baumeisterstolz gebraucht, um die tragische Fallhöhe der Brucknerschen Langsamkeit zu begreifen. Große Stille und noch größerer Jubel schließlich nach dem in der Tat überwältigenden Finale. Solches C-Dur- Blitzlichtgewitter, solche Freude am eigenen Treiben und Tun, das macht Thielemanns Wienern derzeit keiner so schnell nach.

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