Doris Dörrie, Edward Snowden, Bas Kast : Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste

Einmal monatlich bespricht der Literaturkritiker die „Spiegel“-Bestsellerliste - parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Diesmal: Belletristik.

Der Literaturkritiker Denis Scheck.
Der Literaturkritiker Denis Scheck.Foto: picture alliance / Rolf Vennenbernd / dpa

10. Peter Michael Diestel: In der DDR war ich glücklich. Trotzdem kämpfte ich für die Einheit (Das neue Berlin, 304 S., 22 €.)

Der letzte Innenminister der DDR ist heute als Anwalt tätig. Ich vertraue Historikern mehr als Zeitzeugen, aber bereichernd und horizonterweiternd sind Diestels Schilderungen der Jahre der Wiedervereinigung aus ostdeutscher Sicht allemal – auch wenn man manche kalkulierte Provokation auszuhalten hat, zum Beispiel in Sätzen wie:

„Auf der anderen Seite werden, angeblich um der historischen Gerechtigkeit willen, Jahr um Jahr Millionen ausgegeben, um die Schnipsel in der Stasi-Unterlagenbehörde zusammenzuleimen, nur um in Erfahrung zu bringen, wie der Speiseplan in der Betriebskantine in der Berliner Normannenstraße oder die Anweisung zum Entfernen von Hundescheiße an der Protokollstrecke ausschaute.“

Ich glaube, die vielen tausend Stasi-Opfer werden die Arbeit der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR anders bewerten.

9. Andreas Michaelsen: Mit Ernährung heilen (Insel Verlag, 368 S., 24,95 €.)

Sich saisonal ernähren, fasten, auf Fertiggerichte verzichten: Es ist alles gut und richtig, was der Professor für Naturheilkunde an der Berliner Charité in seinem Buch erzählt. Aber als begeisterter Koch und Gourmet kann ich es mit meinem kulinarischen Gewissen nicht vereinbaren, Ihnen ein Buch zu empfehlen, in dem ein so vielfältiges und geniales Lebensmittel wie Fisch als „das kleinere Übel“ von Fleisch bezeichnet wird. Mir ist das schlicht zu lustfeindlich.

8. Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen (Diogenes Verlag, 176 S., 18 €.)

Schreibend Klarheit über sein Leben zu gewinnen: Nichts weniger als das hat Doris Dörrie in ihrer motivierenden Schreibschule im Angebot. Am Beispiel ihres eigenen Lebens lässt Dörrie in diesem einfach zu lesenden, gleichwohl nie unterkomplexen Buch uns am Abenteuer der Autobiographie teilhaben.

7. Ajahn Brahm: Der Elefant, der das Glück vergaß (Deutsch von Karin Weingart, Lotos, 240 S., 16,99 €.)

Erstaunlich derbe buddhistische Wohlfühl-G’schichteln über Hundescheiße an Sandalen auf amerikanischen Parkplätzen, Menschen, die mit Affenpisse gurgeln oder Hundegeister, die aus dem Jenseits bellen. Die darin vermittelten Lebensweisheiten – etwa über die Vorteile, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen – werden nur diejenigen zu trösten vermögen, die nicht bei Trost sind.

6. Michelle Obama: Becoming (Deutsch von Harriet Fricke, Tanja Handels, Elke Link, Andrea O'Brien, Jan Schönherr und Henriette Zeltner, Goldmann Verlag, 544 S. 26 €.)

Die lesenswerte, weil uneitle Autobiographie einer intelligenten Frau. Eine bemerkenswerte Blindstelle darin deckt allerdings das auf Platz 5 stehende Buch auf.

5. Edward Snowden: Permanent Record (Deutsch von Kay Greiners, S. Fischer, 432 S., 22 €.)

Dem sogenannten Whistleblower Edward Snowden haben wir es zu verdanken, dass wir heute zumindest in groben Umrissen erahnen, in welch alles menschliche Vorstellungsvermögen sprengendem Ausmaß der US-amerikanische Geheimdienst unsere Daten abschöpft.

Diesem Helden unserer Zeit ist nichts anderes übrig geblieben, als in Moskau um Asyl zu bitten. Seine Autobiographie ist eine aufrüttelnde Lektüre, die daran erinnert, dass Menschenrechte auch im virtuellen Raum erkämpft werden müssen: „Es rettet uns kein höh'res Wesen, / kein Gott, kein Kaiser noch Tribun / Uns aus dem Elend zu erlösen / können wir nur selber tun!“

4. Gerhard Wisnewski: Verheimlicht - vertuscht - vergessen (Kopp, 288 S., 14, 99 €.)

Verschwörungstheorien sind das Geschäftsmodell von Gerhard Wisnewski, der Jahr um Jahr ein „Was dieses Jahr nicht in den Zeitungen stand“-Buch vorlegt. Der neue Band ist genauso wirr in der Argumentation, dumpf und sprachlich hilflos wie die vorangegangen: Klolektüre für Paranoiker.

3. Stephen Hawking: Kurze Antworten auf große Fragen (Deutsch von Susanne Held und Hainer Kober, Klett-Cotta Verlag, 253 S. , 20 €.)

Wer wissen will, woher wir kommen, wohin wir gehen und was der Sinn unseres Lebens ist, kommt in diesem letzten Buch des Astrophysikers Stephen Hawking auf seine Kosten: „Niemand hat das Universum geschaffen und niemand lenkt unsere Geschicke.

Es gibt wahrscheinlich keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod.“ An solchen Sätzen kann man von all dem bis in unsere Gegenwart nachwirkenden religiös motivierten Irrsinn geistig gesunden.

2. Marc Friedrich und Matthias Weik: Der größte Crash aller Zeiten (Eichborn, 400 S., 20 €.)

Angst lässt sich in Deutschland noch besser bewirtschaften als Ackerland. Davon leben die Crash-Propheten Marc Friedrich und Matthias Weik, die eine große Drangsal der Finanzmärkte und das Scheitern des Euro bis spätestens 2023 prophezeien.

Was Sie, liebe Leserinnen und Leser mit Ihrem Geld anstellen, ist natürlich Ihre Privatsache – ich jedenfalls möchte mein finanzielles Schicksal lieber nicht in die Hände von Autoren legen, die im Eichborn Verlag veröffentlichen.

1. Bas Kast: Der Ernährungskompass (C. Bertelsmann, 320 S. 20 €.)

Erzählungen über verbotene Früchte, Länder, in denen Milch und Honig fließen und es Manna vom Himmel regnet, faszinieren wundergläubige Leserinnen und Leser seit Anbeginn der Menschheit. Deshalb steht dieses Diätbuch, das eine Meta-Analyse aller zwischen 1950 und 2013 durchgeführten Ernährungsstudien auswertet und in beherzigenswerten Tipps für unseren Speiseplan zusammenfasst, seit über einem Jahr auf der Bestsellerliste.

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