„Double Take“ im C/O Berlin : Auch Ikonen können lügen

Schau im C/O Berlin: Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger bauen Miniaturmodelle von bekannten Fotos und Filmszenen, um sie dann erneut zu fotografieren.

Dorothea Zwirner
Making-of. Der Marlboro-Man in der Ausstellung.
Making-of. Der Marlboro-Man in der Ausstellung.Foto: Cortis + Sonderegger

Man muss schon zweimal hinschauen, um zu begreifen, was man sieht. Die letzte Aufnahme der Titanic kurz vor dem Untergang, der Fußabdruck des ersten Menschen auf dem Mond, das World Trade Center in Flammen: 39 weltbekannte Fotos und Filmszenen haben Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger seit 2012 minutiös als dreidimensionale Dioramen nachgebaut, um die Miniaturmodelle dann erneut zu fotografieren. Die detailgenaue Rekonstruktion wäre kaum zu unterscheiden vom Original, wäre sie nicht im Studio aufgenommen, umgeben von den verwendeten Werkzeugen und Materialien. Das „Making of“ der Fotografie steht also im Vordergrund und wirft viele Fragen nach Echtheit, Symbolkraft und Historizität fotografischer Motive auf.

„Double Take“ heißt die Ausstellung des Schweizer Künstlerduos Cortis & Sonderegger bei C/O Berlin, in der die Geschichte der Fotografie in einer Art Reenactment zur Aufführung kommt. Es sind historische Augenblicke, symbolische Momente, berühmte Werbeimages, unvergessliche Filmszenen und künstlerische Schlüsselbilder, die zu Ikonen der Fotografie geworden sind und unser kollektives Bildgedächtnis geprägt haben. Doch wie glaubwürdig sind diese fotografischen Ikonen, die ein Höchstmaß an Authentizität verbürgen? Ob Robert Capas fallender Soldat im Spanischen Bürgerkrieg 1936, die US-Flagge auf Iwo Jima 1945, die berühmte Werbeikone des Marlboro-Man oder Nosferatus Schatten aus Murnaus Stummfilmklassiker: Sie alle sind mehr oder weniger inszenierte Fotografien.

Die Reinszenierung dient jedoch nicht nur einem aufklärerischen Ziel, sondern hat auch eigenen ästhetischen Reiz im wohlkomponierten Making-of, das raffinierte Bezüge und schwindelerregende Größenverhältnisse zwischen dem nachgebauten Original und seiner Atelierumgebung herstellt. So ruht das Foto der untergehenden Titanic auf einem Stapel mit Bildbänden zur Geschichte des Luxusliners. Es ist der verbotene Blick hinter die Kulissen, der den Reiz, aber auch den Tabubruch dieser Fotos ausmacht, besonders beim Nachstellen von Katastrophenszenarien. Jedes Foto wird von einem Wandtext begleitet, der den kulturhistorischen Hintergrund liefert, Aufnahmeort und -zeit benennt, Fotograf und die Umstände, unter denen das Foto entstanden ist, aber auch die Wirkungsgeschichte, die das Foto erst zur Ikone gemacht hat. In dieser Rekonstruktion der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Fotografie wird klar, wie sehr sich unsere Erinnerung aus einem kollektiven Bildgedächtnis speist, das in hohem Maße dem Zufall und der Manipulierbarkeit unterliegt. In Zeiten von Fake News und Instagram erscheint der zweite Blick von „Double Take“ ein wichtiger künstlerischer Beitrag zu sein, humorvoll und verstörend zugleich.

Ein Vorbild dieses reflexiven Spiels aus Täuschung und Selbsttäuschung ist ein anderes Schweizer Künstlerduo, das verblüffend echte Alltagsgegenstände aus Polyurethan schnitzt. Fischli & Weiss stellen die Logik des Readymades auf den Kopf, mit Attrappen, die auf ähnliche Weise wie Cortis & Sonderegger den Blick für die Konstruiertheit unserer Dingwelt und Weltbilder schärfen. So wenig es das Ding an sich gibt, so wenig gibt es die Fotografie als dessen authentisches Abbild. Die wahre Geschichte der Fotografie, die Cortis & Sonderegger erzählen, ist nicht die ihrer Authentizität, sondern die ihrer Inszenierung und Umstände. Der zweite Blick lohnt sich.

Bis 1. Juni, C/O Berlin, Hardenbergstraße 22-24. Begleitpublikation bei Lars Müller Publishers, Zürich (Deutsch) und Thames & Hudson (Englisch), € 30 Euro

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar