"Drei Frauen" von Lisa Taddeo : Lust und Frust in der US-Provinz

Selbstbestimmtheit? Selbstermächtigung? Fehlanzeige: Die amerikanische Autorin Autorin Lisa Taddeo erkundet in „Drei Frauen“ das weibliche Begehren.

Lisa Taddeo.
Lisa Taddeo.Foto: Diane von Schoen/Piper Verlag

Glaubt man dem Piper Verlag, der Lisa Taddeos Buch „Drei Frauen“ hierzulande veröffentlicht, dann ist dieses „das Buch der Stunde über weibliche Sexualität zwischen Lust und Macht“. (Übersetzt von Maria Hummitzsch. Piper, München 2020. 413 S., 22 €)

Ein Buch der Stunde war „Three Women“ ganz sicher schon in den USA und England, dort stand es im Sommer wochenlang weit vorn auf den Bestsellerlisten der „New York Times“ und der „Sunday Times“. Lisa Taddeo beschreibt in ihrem Vorwort ihr Vorhaben etwas präziser als ihr deutscher Verlag.

Ihr sei es darum gegangen, „vom Feuer und vom Schmerz der weiblichen Lust zu erzählen, damit Männer und andere Frauen verstehen können, bevor sie urteilen“.

An anderer Stelle schreibt sie, „den größten Zauber und den größten Schmerz“ habe sie in den Geschichten gefunden, und sie meint allein jene von Frauen, die Männer lieben, nicht umgekehrt, keine gleichgeschlechtlichen, Geschichten, „in denen sich das Begehren nicht steuern ließ, in denen das begehrte Objekt das Geschehen beherrschte“.

Gespräche mit Zufallsbekanntschaften

Dafür ist die 1979 geborene, in New Jersey aufgewachsene Taddeo angeblich sechs Mal durch die USA gereist und hat sich mit vielen Frauen unterhalten, die ihr oft zufällig begegnet sind.

Drei von diesen waren schließlich einverstanden, von Taddeo porträtiert zu werden, ihr Leben, Lieben und Begehren schwarz auf weiß noch einmal erzählt zu bekommen, Maggie, Lina und Sloane.

Die drei Frauen stammen aus unterschiedlichen Milieus und Gegenden der USA, und sie gehören unterschiedlichen Generationen an.

Maggie, die jüngste, zu Beginn des Buches noch Schülerin, lebt in West-Fargo, North Dakota, in relativ geordneten Verhältnissen. Ihre Eltern sind zwar beide Alkoholiker, funktionieren aber und gehen liebevoll mit ihr um. Maggie hat eine Affäre mit einem ihrer High-School-Lehrer und wird ihn einige Jahre später wegen Verführung einer Minderjährigen anzeigen und verklagen.

Verführung einer Minderjährigen

Lina ist eine Hausfrau in ihren Dreißigern aus einer Kleinstadt im Süden von Indiana. Sie wird von ihrem Mann, mit dem sie zwei Kinder hat, weder geküsst noch angerührt und hat eine Affäre mit einem Jugendfreund. „Lina ist überzeugt, dass der Wunsch, von dem Menschen begehrt zu werden, den man gerade für den allerattraktivsten hält, ein elementarer Trieb des Menschen ist.

Nur dass viele Menschen diesen Trieb meist unterdrücken.“ Die dritte im Erzählbunde ist Sloane, die mit ihrem Mann Richard erfolgreich ein Restaurant in Newport auf Rhode Island betreibt. 

Sloane kommt aus wohlsituierten Verhältnissen, liebt Richard auch nach langen Ehejahren noch wie eh, und den besten Sex haben sie, wenn jemand dabei ist, am besten ein weiterer Mann: „Es machte Richard an, wenn seine Frau in seiner Gegenwart mit einem anderen Mann zugange war.“

Prozess als mediales Spektakel

Taddeo erzählt im Wechsel, was den drei Frauen nicht nur in ihrem Liebesleben passiert, sondern wie überhaupt ihre ersten sexuellen Erfahrungen waren und wie sie aufgewachsen sind. Das macht sie im Fall von Lina und Sloane aus einer auktorialen Perspektive, im Fall von Maggie häufiger in der zweiten Person Singular.

Was womöglich damit zu tun hat, dass Maggies Leben ein sowieso öffentliches geworden ist. Der Prozess gegen den Lehrer mit ihr als Klägerin war auch ein mediales Spektakel, was nicht zuletzt dem Erfolg von Taddeos Buch zugutegekommen sein dürfte, und nimmt im Verlauf den meisten Raum ein in der Maggie-Erzählung.

Dabei dokumentiert Taddeo gut, wie schwer es ist, jemanden wie diesen in seinem Heimatort gut beleumundeten Lehrer zu überführen und zu verurteilen, trotz laut Maggie oraler Befriedigungen, trotz eindeutiger Hinweise wie einer Stephenie-Meyer-„Twilight“-Ausgabe mit Liebesschwüren von ihm auf gelben Post-its, trotz stundenlanger Telefonate. Taddeo konstatiert: „Ich lernte sie als eine Frau kennen, der man ihre Sexualität und ihre sexuellen Erfahrungen auf schreckliche Weise absprach.“

Psychogeografien aus der Provinz

Es zeichnet die drei Porträts aus, dass sie zum Teil recht differenziert sind, sie die Psychogeografie dieser Frauen durchaus hell ausleuchten. Nicht nur Sloane vermag ihre familiäre und psychologische Problematik mit zwei entscheidenden Autounfällen oder einer Magersuchtserkrankung zu reflektieren, auch Lina ist sich so einiger, nicht zuletzt auf ihrer Herkunft beruhender Insuffizienzen bewusst.

Manchmal hat man allerdings den Verdacht, dass sich der formend-erzählende Zugriff Taddeos vermengt mit den ihr letztendlich mündlich, per Mail, SMS oder Chatverlauf in sozialen Medien wiedergegeben Geschichten.

Problematischer ist, dass in diesem Buch Leiden und Tragik dominieren. Jeder Schlagerfan weiß zwar, dass es Lieben ohne Leiden nicht gibt, aber dauerhaftes Unglück ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Ob Maggie sich wirklich ihrer Macht bewusst war, als sie sich in ihren Lehrer verliebt hat, wie Taddeo das suggeriert? Dass sie die Anzeige gegen den Lehrer als Befreiung verstanden hat, darauf gibt es keine Hinweise.

Lina ist am überzeugendsten, wenn sie ihre Gelüste befriedigt haben möchte, sie sexuelle Macht ausübt. Doch ist ihr nach jedem Treffen mit ihrem Liebhaber bewusst, wie abhängig sie ist. Und die zeitweise mit sich selbst und ihrem Begehren im Reinen wirkende Sloane plagt sich schließlich mit schweren Schuldgefühlen, weil die Ehefrau eines der Männer, mit der sie und Richard Sex haben, sie unter Druck setzt und moralischer Verfehlungen anklagt. Zumal Sloane den Sex zu dritt oder viert primär Richard zuliebe ausübt.

Wenig Zauber, viel Frust

Vom „Zauber des Begehrens“ kann wiederum hin und wieder bei Lina die Rede sein, auch von einem Aufbegehren gegen die Zwänge eines katholischen Milieus, das sie geprägt hat. Aber selbstbestimmt wirkt keine der drei Frauen, von Selbstermächtigung wenig bis gar keine Spuren, dafür viele unerfüllte Sehnsüchte, Schuldzusammenhänge, Schmerzen. Und Männer, die das Liebesgeschehen beherrschen.

Wie souverän wirkt dagegen Stendhals Mathilde in „Rot und Schwarz“ bei ihren Liebesmachtspielen mit Julien Sorel: „In ihren Gedanken behandelte sie Julien trotzdem als ein niedrigeres Wesen als sich selbst, als eins, von dem man sich lieben lässt, wenn es einem passt.“

Verständnis für die drei Frauen weckt Lisa Taddeo mit ihrem Buch, nachvollziehbar sind so einige dieser dem Begehren geschuldeten Ich-Auflösungen. Am Ende überwiegt der Eindruck, es hier mehr mit Frust und Ohnmacht als mit Lust und Macht zu tun zu haben.

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