Dresden beim Theatertreffen : Im Bett mit Dämonen

Berliner Theatertreffen: Dresdens Staatsschauspiel arbeitet sich mit "Erniedrigte und Beleidigte" an Dostojewski und Frank Castorf ab.

Schrei nach Liebe. Eva Hüster, zu ihren Füßen liegen Luise Aschenbrenner und Nadja Stübiger.
Schrei nach Liebe. Eva Hüster, zu ihren Füßen liegen Luise Aschenbrenner und Nadja Stübiger.Foto: Sebastian Hoppe

Nebel strömt auf die Bühne, dick und schwer. Ist das jetzt schon wieder ein Stück von Thom Luz, dem Schweizer Theaterträumer, der mit seinem „Girl from the Fog Machine Factory“ letzte Woche beim Theatertreffen gastierte? Nein, das sind die Dresdner mit ihrem Dostojewski. Das ist Sebastian Hartmanns stampfende Albtraumfabrik.

Dramatische Musik wallt über die Bühne, eine riesige Leinwand wird von den Akteuren schwarz eingepinselt, um ein trauriges Mädchengesicht herum, das an Banksy erinnert, man denkt sich die Rolling Stones und ihr „Paint It Black“ als Soundtrack. Die Grundstimmung dräut erhaben und düster, ein spürbar starker Kunstwille. Aber fast nichts von Dostojewski und seinem Elendsroman aus dem St. Petersburg von 1861.

Regisseur Sebastian Hartmann war früher an der Volksbühne

Es geht in dieser Inszenierung um eine andere Vergangenheit. Um Geisterbeschwörung. Vor über zwanzig Jahren erlebte die Volksbühne – wo das Staatsschauspiel Dresden seinen Theatertreffen-Beitrag zeigt – mit Frank Castorfs Dostojewski-Nächten vielleicht ihre beste Zeit. Sebastian Hartmann, damals unter den Volksbühnen-Regisseuren, die an Castorfs cooler Übermacht abprallten, hat sich wohl nie so ganz davon befreit.

Immer noch viele Volksbühnen-Zitate finden sich in seinen zum Bombast neigenden Bühnenarbeiten. Gegen Ende hockt die ganze Truppe auf einem Krankenbett und albert sich durch den Text, der nur als Zumutung oder Parodie zu haben ist, am besten beides. Schöne Castorfiaden, vor allem bei Torsten Ranft, der war in den gloriosen Jahren auch dabei.

Ironisch, voller Wehmut und Wut: Das Theater reflektiert und wiederholt sich selbst. Hartmann wirft dazu noch Texte aus der Hamburger Poetikvorlesung des Dramatikers Wolfram Lotz in die Saalschlacht. Und man erfährt auch, wie der Surrealismus in die Welt kam und warum die Dadaisten das blöd fanden. Alles war besser, früher ... An entscheidender Stelle wird erklärt, das Theater sei zwar total am Ende, könne aber jetzt erst recht weiterspielen, weil es eben lebendiger und zugleich toter sei als alles andere.

Das Stück nervt, und es erlöst

Stimmt schon. Sie stehen irre unter Dampf. „Erniedrigte und Beleidigte“ (um den Titel mal zu erwähnen) rasen hysterisch kreischend zur Rampe und zurück in den Bühnenschlund, oft nackt. So geht es zu in zweidreiviertel Stunden ohne Pause. Am Deutschen Theater Berlin hat Hartmann in ähnlicher Manier „Hunger. Peer Gynt“, also Hamsun und Ibsen, zu einem Verzweiflungsreigen verquirlt. Es nervt sehr, und es hat Augenblicke der Erlösung – wenn sie „Fruchtpudding“ löffeln und sich wie Kinder berauschen am Klang dieses Worts. Fruchtpudding ...

Hartmann und sein Ensemble feiern sich in einem Spiegelbild von Selbstverachtung, Zerstörungslust und Höllenfantasie. Alles im Eimer. Aber den gab’s bei Castorf auch schon.

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