„Dschabber“ im Grips Theater : Liebesgeschichte unterm Kopftuch

Der Streit ums Kopftuch als Bühnenstück: Das unaufgeregte „Dschabber“ von Marcus Youssef im Grips Theater.

Hidschab trifft Hoodie. Nina Reithmeier und Patrik Cieslik.
Hidschab trifft Hoodie. Nina Reithmeier und Patrik Cieslik.Foto: David Baltzer/bildbuehne.de

„Leg dein Kopftuch ab“, ermuntert die Lehrerin ihre muslimische Schülerin. „Befrei dich!“ Aus dem Symbol der Unterdrückung soll eine wehende Fahne der Emanzipation werden, ein Banner der abendländischen Erleuchtung. Dumm nur, dass dieses Mädchen so gar kein Bewusstsein für seine Knechtschaft unter dem Stoff hat und den finalen Ausweis der geglückten Integration verweigert. Nach dem Motto: Mein Kopf gehört mir. Die Szene – richtig, satirisch gemeint – stammt aus der Inszenierung „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat, die vor acht Jahren ihre Berliner Premiere am Ballhaus Naunynstraße feierte. Damals waren die Zeitungen voll mit Thilo Sarrazins Kopftuchmädchen, und das Land schlitterte in eine von vielen Migrationsdebatten. Hat die Gesellschaft seitdem was dazugelernt?

Jetzt nimmt das Grips Theater sich des Kopftuch-Themas an. Mit „Dschabber“ von dem kanadischen Autor und Regisseur Marcus Youssef, Sohn ägyptischer Eltern, dessen Zwei-Personen-Stück „Winners and Losers“ international Beachtung gefunden hat. Aber ist das Sujet nicht, pardon, ein alter Hut? Wohl kaum. Denn man sollte die Innensicht einer Kulturbetriebsblase nicht mit der Schulhofwirklichkeit verwechseln, zu der die Kinder- und Jugendtheater über ihre pädagogischen Aktivitäten einen sehr kurzen Draht haben. Mit welchen Vorurteilen und Befremdungen sich muslimische und nichtmuslimische Jugendliche begegnen, das ist alltagsrelevant und brisant geblieben.

„Kennt ihr das, wenn man den Blick von jemandem auffängt, nur ganz kurz, und man sieht genau, was in ihren Köpfen vorgeht?“, fragt die 16-jährige Fatima im Stück. Und listet die reflexhaften Zuschreibungen angesichts ihres Kopftuchs gleich selbst auf: „Bestimmt muss sie das tragen. Ist das ne Terroristin? Bestimmt ist die voll still und schüchtern!“

„Dschabber“ kommt von Hidschab

„Dschabber“ kommt von Hidschab, dem arabischen Begriff für verschiedene Formen der Verschleierung, zu denen auch das Kopftuch zählt. Fatima (Nina Reithmeier) und ihre Freundinnen haben sich den ironischen Gangnamen „Die Dschabber“ verliehen. Allerdings wird das Mädchen von den Eltern jäh aus seiner gewohnten Umgebung gerissen – weil an der Schule ein Graffito aufgetaucht ist: „Tötet alle Muslime!“ In der neuen Lehranstalt ist Fatima (die nichts mehr hasst als die Frage: Darf ich dich Fati nennen?“) ohne schwesterlichen Anschluss.

Dafür freundet sie sich zaghaft mit Jonas an (Patrik Cieslik). Der hat seinen eigenen Hidschab in Hoodie-Form, fällt im Unterricht durch unfassbar dumme Einlassungen zu den Gaskammern in Konzentrationslagern auf und ist überhaupt der Typ Junge, vor dem Eltern ihre Töchter warnen. Außerdem kursieren Gerüchte über Jonas’ Vater, befeuert vom wohlmeinenden Lehrer Müller (Ensemble-Neuzugang Marius Lamprecht). Der aufkeimenden Liebe zwischen den jungen Außenseitern tut’s keinen Abbruch.

Spielerisch-unbeschwerter Charakter

Die Flirts spielen sich vornehmlich über Chats ab. In Jochen Strauchs Inszenierung werden sie auf eine nackte Betonwand projiziert, die hier das unvertraute und vorurteilsverhangene schulische Umfeld darstellt (Bühne und Kostüme: Christin Treunert). Online kommt es auch zu einem Vertrauensbeweis mit Folgen: Fatima legt für Jonas das Kopftuch ab. Ein intimer Moment, der leider nicht ungeteilt bleibt. Wobei sich daraus – das darf man wohl verraten – kein Ehrenmorddrama mit „Allahu akbar!“ brüllenden Gotteskriegern entwickelt, auch wenn man sich Fatimas Eltern, die im Stück nicht persönlich auftauchen, als konservativ vorstellen darf. Soll’s ja geben. Die größte Qualität von Youssefs Stück ist die Unaufgeregtheit, mit der eine ziemlich geradlinige Boy-meets-Girl-Geschichte unterm Hidschab erzählt wird.

Grips-Debütant Jochen Strauch – der Regisseur ist Mitgründer des Jungen Schauspielhauses in Hamburg - setzt sie entsprechend minimalistisch in Szene. Angetrieben von den kraftvoll-klaren Beats des Live-Drummers Thilo Brandt beginnen Reithmeier, Cieslik und Lamprecht die Verwandlung, die offen ausgestellt wird: „Sagen wir, wir sind in einer Schule“. – „Sagen wir, ich bin nicht 37, sondern 16.“ – „Sagen wir, Fatima ist erst seit ein paar Jahren in Deutschland.“ Das verleiht dem Ganzen einen spielerisch-unbeschwerten Charakter. Und ist auch toll gespielt, von Reithmeier als selbstbewusster Fatima, die sich im Spotlight zu Jetzt-wird’s-spannend-Klängen das Kopftuch anlegt, von Cieslik, der Jonas in der Balance zwischen Sympathieträger und Idiot hält, von Lamprecht, der seinen Lehrer zielsicher an Pädagogen-Klischees vorbeibalanciert. „Dschabber“ erklärt nicht zu viel und nicht zu wenig. Denkanstöße fürs Gespräch danach gibt es genügend.

Nächste Vorstellungen: 26. und 28.11.

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