Kultur : Du bist so gut wie tot

Ein Film ist schneller als die Wirklichkeit: Nick Cassavetes’ „Alpha Dog“

Christina Tilmann

Beim Auftritt von Sharon Stone ist alles verloren. Als Mutter des ermordeten Opfers kommt sie in einer Talkshow zu Wort, grotesk aufgeschwemmt, tränenüberströmt. Dokufiction vom Schlimmsten. Dabei hatte der Film sich schon vorher alle Mühe gegeben, Authentizität zu behaupten: hat Handlungsorte, Daten und Uhrzeiten eingeblendet, Nebenfiguren als „Zeuge Nr. 11“ eingeführt, Interviews mit Beteiligten oder Auszüge aus Verhörprotokollen dazwischengeschnitten. Alles, aber auch alles sollte vermitteln: Diese Geschichte ist wahr.

Das ist sie auch. So wahr, dass Nick Cassavetes’ Film „Alpha Dog“ schon vor Filmstart einen aufsehenerregenden Prozess hinter sich hat. Allzu unverstellt erzählt er die Geschichte des kalifornischen Dealers Jesse James Hollywood, der im Verdacht steht, 1999 den Mord am 15-jährigen Nicolas Markowitz in Auftrag gegeben zu haben, und im Jahr 2000 als 20-Jähriger der jüngste Straftäter auf der „Most Wanted“-Liste des FBI war. Das Problem nur: Der Prozess gegen JJ Hollywood hat noch gar nicht stattgefunden, da verurteilt der Regisseur ihn schon vorab zum Tode.

Es dürfte sich um den ziemlich einzigartigen Fall handeln, dass das Kino der Wirklichkeit vorauseilt. Mehr noch: dass ein Filmprojekt explizit als Fahndungshilfe benutzt wird. Cassavetes, der seit 2004 an dem Projekt arbeitet, erhielt vom FBI Einblick in die Prozessakten. Durch das Bekanntwerden des Projekts hofften die Fahnder, Druck auf den Flüchtigen auszuüben. Mit Erfolg: Hollywood wurde im März 2005 in Brasilien gefasst. Doch der Film ist schneller als die Mühlen der Ermittlung. Er verkündet den Schuldspruch, obwohl juristisch bis zum Prozess die Unschuldsvermutung gilt.

Dabei hätte der Film den moralisch und juristisch fragwürdigen Realitätsbezug gar nicht nötig gehabt. Die Geschichte, die er erzählt, ist stark – sie wäre es auch mit weniger Authentizitätsgetrommel gewesen. Reiche Kids in den kalifornischen Vorstadtwelten, von ihren berufstätigen Eltern alleingelassen, Geld, Drogen und Gewalt, starke Sprüche, schwaches Ego, eine perspektivlose Jugend, für die nur ein Gangster ein Held ist: Filme wie Gus van Sants „Elephant“ oder Larry Clarks „Kids“ haben genau dieses Milieu geschildert. Ein Milieu, in dem die Grenzen zwischen Recht und Unrecht, Spaß und Ernst kaum existent sind. Auch, weil keiner mehr da ist, der sagt, wo es langgehen soll.

Die Story: zwei Platzhirsche im Konflikt. Johnny Truelove (Emile Hirsch), für den JJ Hollywood das Vorbild lieferte, ist ein Kleindealer, der von seinem Vater (Bruce Willis) das Bewusstsein des „Alphatiers“ übernommen hat. Sein Subdealer Jake Mazursky (Ben Foster), speedsüchtig, SS-Runen in den Nacken tätowiert, ein Choleriker, eine wandelnde Zeitbombe, wird von Johnny wegen Schulden unter Druck gesetzt und schlägt brutal zurück. Um Jake im Zaum zu halten, entführt Johnny dessen Bruder Zack (Anton Yelchin). Und weil der sich mit seinen Entführern bestens versteht, mit ihnen feiert, kifft und trinkt, wird Zack irgendwann zum Problem. Pech nur, dass gerade der gutmütige Frankie (souverän: Popstar Justin Timberlake), der sich mit Zack angefreundet hatte, mit der Problemlösung beauftragt wird.

Das wird mit einer Konsequenz zu Ende erzählt, die dem Film verstörende Kälte, alttestamentarische Wucht gibt. Cassavetes lässt keinen Ausweg aus der Geschichte, deren fatalen Ausgang die Wirklichkeit vorgegeben hat. Und plötzlich kommt Detlev Bucks „Knallhart“ in den Sinn. Auch dieser Film wurde 2006 von der Wirklichkeit, den Diskussionen um die Rütli-Schule und die Jugendgewalt in Neukölln, eingeholt und um seinen Erfolg im Kino gebracht. Instinkt für heiße Stoffe haben beide Regisseure bewiesen. Nur hat Cassavetes seine Rolle unterwegs mit der des Staatsanwalts vertauscht.

In Berlin in 13 Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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