Kultur : Durch die Kobra zur Befreiung

Was Michael Ballack, Madonna, Sharon Stone, Menschenrechtler und Ökoaktivisten gemeinsam haben? Sie schwören auf Jivamukti Yoga – neuerdings auch in Berlin

G a Bartels

Der puristische Empfangsraum vom Jivamukti Yoga Center ist alles andere als eine Räucherstäbchenduft geschwängerte Yoga-Bude. Hier sieht es aus wie beim Edelfriseur. Dunkelbraunes Parkett, weiße Wände, Riesenlampen in Blassrosa und zerknautschte Sitzsäcke im Retrostil. Hinter dem langen weißen Thresen lächelt einem eine grazile Person entgegen und sagt, sie heiße Steph. Klingt ebenfalls nach Trendfriseur. So wie Tom und Patrick, die anderen Yogalehrer. „Schuhe ausziehen“, flüstert Steph und zeigt auf ein Regal. „Leise sein, da läuft noch ein Kurs.“ Zum Umkleideraum der Frauen geht es auf Zehenspitzen vorbei an einem plätschernden Wasserbecken mit Kunstlotusblüten und indischen Götterfiguren. Außer den kleinen Altären in den Übungsräumen ist das das einzig Bunte hier. Jivamukti Yoga ist was für urbane Lifestyle-Yogis und nichts für Fans von Indien-Kitsch – so viel ist einem beim ersten Besuch in dem Charlottenburger Yoga-Studio sofort klar.

Im verspiegelten Umkleideraum steht schon eine blond bezopfte Studentin in bunter Unterwäsche und meint, sie habe nach zwei Jahren Yoga bei unterschiedlichen Lehrern hier was Besseres gefunden. „Ist beseelter und präziser als Power-Yoga im Fitnessstudio.“ Auf dem Weg zum Übungsraum geht es am schlaksigen Patrick vorbei. Er heißt mit Nachnamen Broome, ist 38, promovierter Psychologe, blond bezopft und hat Jivamukti Yoga nach Deutschland importiert. Erst nach München und seit ein paar Monaten auch nach Berlin.

„Da kannst du dir eine Matte nehmen“, sagt er mit weicher Stimme und nimmt lächelnd das Lob einiger Damen aus seinem gerade zu Ende gegangenen Kurs entgegen. „Durch Jivamukti wurde Yoga von der Matte weggeholt und bekam eine politische Dimension“, erzählt er später. In der Tat wird das hippe New Yorker Studio der Jivamukti-Erfinder Sharon Gannon und David Life seit 1984 nicht nur von Künstlern, Popstars oder Schauspielern wie Uma Thurmann und Sharon Stone überrannt, sondern auch von jeder Menge Öko- und Menschenrechtsaktivisten. Patrick Broome hat Sting und Madonna unterrichtet. Aber auch die bisher nicht spirituell auffällig gewordene deutsche Nationalelf vor der Fußball-WM 2006. Jivamukti sei körperbetontes, athletisches Yoga, sagt er, aber vor allem ein Weg zu mehr Bewusstsein, Mut und Stärke. Ganzheitlich denken, nachhaltig handeln, vegetarisch leben, Gewalt ablehnen und die Welt ändern, indem man sich ändert. „Gerade Berlin kann Mitgefühl gebrauchen“, sagt Patrick, „es ist viel tougher als das liebliche München“.

Jivamukti bedeutet „Befreiung der Seele“. Und die führt über die Turnmatte im anderthalb Stunden dauernden Basic- Kurs mit Steph.

Indische Sphärenmusik läuft. Fünf Frauen in langen Hosen und ein Mann in kurzer liegen auf dem Rücken und atmen ein und aus. „Über den Atem kommen wir im Hier und Jetzt an“, sagt die Yogalehrerin in ihrem ruhigen aber bestimmten Mantra-Tonfall. Dann ist Om-Singen im Lotussitz angesagt. „Wir schicken den Ton durch den Raum.“ Dabei kommt auch ein Yoga-Anfänger noch mit. Doch dann werden die Übungen immer dynamischer. Übungen wie Baum, Sonnengruß und Kobra in fließender Abfolge.

Steph geht rum und korrigiert mit beherztem Griff an Becken oder Bein die Positionen. Dazu die fortwährende Mahnung: Einatmen, Ausatmen. Und Varianten der immer wieder am Boden ausgeführten Übung: „Drückt euch hoch in die Kobra, schlängelt euch vor in die Kobra, schiebt euch in die Kobra!“ Muskeln zittern, die Stirn wird feucht, die Augen schielen zu den anderen. Puh, zum Glück plumsen die anderen Teilnehmer auch so ungelenk zu Boden. „Wie man mit dem Atem in die Figuren reingeht, ist das Entscheidende“, sagt Patrick. Keine Kobra sei wie die andere, erklärt der Yogalehrer. Und Jivamukti ist definitiv nicht gerade der unanstrengendste der sieben anerkannten Yoga-Stile, die fünf Millionen Deutsche ausüben. Ob es ihn stört, dass Jivamukti so ein Gutmenschen-Image hat? „Nee, wir glauben an eine bessere Welt und schämen uns nicht, Idealisten zu sein.“

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