• Echo-Eklat um Kollegah und Farid Bang: Was Gangster-Rap auf dem Schulhof so beliebt macht

Rapper stehen für Selbstermächtigung und Stärke

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Echo-Eklat um Kollegah und Farid Bang : Was Gangster-Rap auf dem Schulhof so beliebt macht
Der 33-jährige Felix Blume alias Kollegah bei seinem Echo-Auftritt am 12. April.
Der 33-jährige Felix Blume alias Kollegah bei seinem Echo-Auftritt am 12. April.Foto: Reuters/Axel Schmidt

Alles richtig gemacht, dürfte sich so mancher Battle-Rapper und auch so mancher Fan sagen. Die Altvorderen begehren auf. Selbst eine Helene Fischer ist sich auf einmal ihrer „Verantwortung als Künstlerin und vielleicht auch als Vorbild für jüngere Generationen durchaus bewusst“, wie sie auf ihrer Facebook-Seite schreibt. Die 17-fache Echo- Gewinnerin fragt, ob man „Gewalt, Hass und Wut eine so große Präsenz im Fernsehen geben muss“ und möchte schließlich all den Gangster-Rap-Fans, „so esoterisch es vielleicht auch klingen mag, Licht und Liebe schicken“. Wenn das nicht niedlich und süß ist. Das Schweigen von anderen, älteren Rappern, die für diese Disziplin also eher zuständig wären – die Beginner, Fettes Brot, Afrob, Samy Deluxe – tönt da umso beredter.

Zusätzlich kompliziert und interessant wird der Rap als pop- und jugendkulturelles Erfolgsmodell durch die Herkunft vieler Rapper, nicht zuletzt vor dem Hintergrund eines Deutschlands, das seit Langem ein Einwanderungsland ist, sich aber nach wie vor schwer damit tut. Mit Rappern mit Migrationshintergrund können sich viele Jugendliche aus ähnlichen Verhältnissen identifizieren, sie stehen für Selbstermächtigung und Stärke.

Als es Ende der achtziger Jahre erstmals Hip-Hop deutscher Machart gab, war die Heidelberger Formation Advanced Chemistry, deren Musiker italienischer und haitianischer Abstammung waren, mit ihrem Stück „Fremd im eigenen Land“ neben den sich betont als Gangster-Rapper verstehenden Rödelheim Hartreim Projekt eine Ausnahme. Der allergrößte Teil des deutschsprachigen Hip-Hops wurde von deutschen, bevorzugt schwäbischen Bürgerkindern produziert, angefangen bei den Fantastischen Vier über Freundeskreis, den Massiven Tönen oder Kinderzimmer Productions bis hin zu der hanseatischen Fraktion von den Beginnern, Der Tobi und das Bo oder Fettes Brot.

Warum Automechaniker werden, wenn man Rap-Star werden kann?

Ein Jahrzehnt später sollte sich das entscheidend ändern, mit Labels wie Royal Bunker, Aggro Berlin und Selfmade. Der Hip-Hop aus Deutschland verlor sein bürgerliches Kinderzimmer-Antlitz mehr und mehr, er wurde böser, wandelte sich Richtung Gangster- und Battle-Rap, und plötzlich betraten auch viele Rapper mit einem türkischen, tunesischen oder libanesischen Hintergrund die Bühne, die Bushido, Tony Ds oder B-Tights, später dann Haftbefehl, der Kind einer türkisch-kurdischen Beziehung ist, oder Farid Bang, der in der spanischen Enklave Melilla als Sohn marokkanischer Einwanderer geboren wurde und mit acht Jahren nach Deutschland kam.

Sie alle haben zuerst bei Indie-Labels veröffentlicht oder ihre Alben selbst produziert und verlegt, sie alle verstehen sich als Angehörige einer Subkultur, trotz der Avancen der Musikindustrie; und viele von ihnen repräsentieren glaubwürdig das Milieu, dem sie entstammen, mit steigenden Plattenverkäufen natürlich umso selbstbewusster, zumal gilt: Warum Automechaniker werden, wenn man mit Rap ein Star werden kann? 

Umgekehrt muss dieses männlich dominierte Milieu, eine Mischung aus Migrations- und Unterschichten-Kultur, nun nicht mehr allein auf den US-amerikanischen Hip-Hop zurückzugreifen, um sich wiederzuerkennen, so wie das in den neunziger Jahren der Fall war, als aus jedem zweiten Kreuzberger BMW Dr. Dre, Ice-T oder Snoop Dogg schallten. Dass diese Subkultur auf bürgerliche Schichten eine gewisse Anziehung ausübt, auf Kinder gutsituierter Elternhäuser, macht zusätzlich ihren Erfolg aus – und gehört zur Geschichte von Pop und ihren angeschlossenen Kulturen seit jeher dazu.

Man wäre gern dabei, wenn die BMG nun mit ihren umstrittenen Rap-Musikern diskutiert; und beide Parteien versuchen, ihre „Haltungen“ miteinander abzugleichen. Nur dürfte außer Frage stehen, dass Kollegah und Farid Bang sich kaum hereinreden lassen werden in ihre Produktionen. Sie brauchen die Musikindustrie nicht, sie kommen gut ohne sie aus.

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