Ed Motta im Quasimodo : Jauchzet und frohlocket

In der Zeitmaschine: der Brasilianer Ed Motta und seine Band im Berliner Quasimodo.

Der Koloss von Rio. Ed Motta.
Der Koloss von Rio. Ed Motta.Foto: Stefano Martini/promo

Und hier, Freunde des gepflegten Jazzpopfunk, walzt er in seiner ganzen Leibesfülle aus dem Glitzervorhang des Quasimodo. Schiebt sich durch den Instrumentenpark seiner vierköpfigen Band an die Rampe und turnt mit einer kehligen Gewandtheit durch die nahende Mitternacht, die seine körperliche Unbewegtheit Lügen straft. Ed Motta ist wieder einmal da. Und weil der Titel des Godfather of Soul nun einmal vergeben ist, muss er sich wohl oder übel mit dem Ruhm eines hohen brasilianischen Nachfahren bescheiden – mit dem Vorzug, dass man ihn noch live erleben kann. In den Fingerspitzen zuckt es, die Hand verteilt lässig Einsätze ins Rund und manchmal rückt sogar der Unterarm mit aus: Signale, dass doch etwas ganz durch ihn hindurchfließt, wovon man sich nur ausmalen kann, wie es ihn unter der Decke schweben lassen würde, wenn die Schwerkraft seiner geliebten Berliner Buletten nicht ihre Schuldigkeit getan hätte.

Das Ganze klingt wie eine Mischung aus Stevie Wonder, Steely Dan und Al Jarreau. Zu sagen, dass seine Musik das Rad nicht neu erfindet, trifft allerdings nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere nämlich lautet: Seine Musik dreht das Rad ausdrücklich zurück. „The late seventies and early eighties are my religion“, sagt er. Vielleicht weil er, der 1971 geborene Mann aus Rio, diese Zeit nur halbbewusst miterlebt hat. Motta erzählt auch, wie er im brasilianischen Fernsehen verspätet mit den Wiederholungen des deutschen „Beat-Club“, dem „Musikladen“ und der „Raumpatrouille Orion“ in Berührung kam. Was ist schon die eigene Zeit?

Verlustlos von Brasilien nach Europa

Das neue Album „Criterion of the Senses“ für das Hamburger Label Membran hat er mit brasilianischen Musikern in Rio aufgenommen. Mit seiner europäischen Tourband kommt es zusammen mit Material von „AOR“, einem Akronym für die ironisch anvisierte Gattung Adult Oriented Rock, aber nicht nur verlustlos auf die Bühne. Der deutsche Keyboarder und Musical Director Matti Klein, einst bei der Funkband Mo’Blow, ist sogar ein Gewinn, und wenn der Finne Arto Mäkelä zu seinen Jazzphrasierung und Rockintonation vereinenden Gitarrensoli ansetzt, jauchzt in den wenigen Takten, die ihm zur Verfügung stehen, neben seiner Suhr Alt T auch das Publikum.

Zwischendurch, wenn der Synthie lange quietschige Fäden zieht wie ein hochgeheizter Romadur, klingt es auch mal furchtbar cheesy. Doch das gehört ebenso dazu wie Ed Mottas finaler Abstieg ins Publikum. Aus dem Schutzwall seines Keyboards begibt er sich singend unter die Tänzerinnen vor der Bühne und posiert mit ihnen für ein Spalier gezückter Handys.

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