Ein Brief von Ivana Sajko : Das Sägemehl unserer Mühen

Zum Europäischen Feiertag im Literaturhaus Berlin: Ein Brief der Kroatin Ivana Sajko über das Leben im Exil

Ivana Sajko
Blick aus dem Exil. Die Schriftstellerin und Dramatikerin Ivana Sajko, 42, gehört zu den Erneuerinnen des südosteuropäischen Theaters.
Blick aus dem Exil. Die Schriftstellerin und Dramatikerin Ivana Sajko, 42, gehört zu den Erneuerinnen des südosteuropäischen...Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Lieber Goran,

ich habe Deinen Brief mehrmals gelesen. Er hat mich aufgewühlt. Obwohl Du gerade in Zagreb bist und ich in Berlin, schreibst Du ihn aus einer Position heraus, die auch die meine ist: der einer beträchtlichen Erschöpfung, die es mir verleidet, nach Hause zurückzukehren, weil ich dieses Zuhause weder definieren noch finden kann. Das Gefühl, nicht dazuzugehören, das mich überallhin begleitet und hartnäckig jede greifbare Spur meiner Anwesenheit an Orten zerstört, an denen ich gewohnt habe, ohne mich auf Dauer niederzulassen, ähnelt Deinem Eindruck, dass all die Jahre, in denen Du an Deiner Liebesbeziehung gearbeitet, Dich für Deinen beruflichen Erfolg abgerackert und um Deine Stadt und Kultur gekämpft hast, Dir wie Sägemehl unter den Fingern zerronnen sind.

Sägemehl ist das richtige Wort.

Nach langen Mühen hat sich herausgestellt, dass das Haus, das wir gebaut haben, gar nicht existiert; um uns herum sind Beweise einer Arbeit verstreut, die (vielleicht?) vergebens war. „Ich weiß nicht, wie man ein Leben gestaltet, das sich nicht in einem permanenten Ausnahmezustand befindet, in einem System, das seinerseits in der ewigen Wiederholung derselben Themen gefangen ist, in vorhersehbaren Zeiteinheiten, denen es an jeglichem Fortschritt mangelt, weshalb deren Ergebnis umso vorhersehbarer ist.“ So hast Du es formuliert. Der von Dir erwähnte Ausnahmezustand ist der Mechanismus unserer Existenz, die Panik das, was uns hilft, uns über Wasser zu halten.

Falls es jemals besser war, so erinnere ich mich nicht daran. Ehrlich.

Die einzige Zuflucht, auf die ich jemals zählen konnte, waren mein eigener Arbeitsprozess und seine kleinen Verrücktheiten, die alles andere für Momente zur Nebensache machten. Andererseits war der Kunstmarkt, auf dem wir unsere Kreativität feilbieten, um überleben zu können, immer ein Feld von Unsicherheit und Erschöpfung. Nichtsdestoweniger dürfen wir ihn nicht nur als Bühne betrachten, auf der der persönliche Kampf des künstlerischen Prekariats stattfindet, sondern auch als ein viel weiter reichenderes Territorium, auf dem durch kreative Kräfte ein Gemeinwesen mobilisiert wird. Angesichts nicht mehr vorhandener unabhängiger Medien und einer manipulierten öffentlichen Meinung ist künstlerische Arbeit womöglich eines der wenigen unverseuchten Felder kritischen Denkens, politischer Reflexion und der Debatte über das Menschsein, nachdem wir in einer Gesellschaft leben, die jedes Gefühl von Verantwortlichkeit und Mitgefühl fast vollständig zerstört hat.

Gelächter als Zeichen von Vergesslichkeit

Jedes Mal, wenn ich am Savignyplatz auf die S-Bahn warte, fällt mein Blick auf eine Tafel jenseits des Bahnsteigs, auf der ein Zitat von Bertolt Brecht eingraviert ist: „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt?“ Freude als Zeichen von Unempfindlichkeit, Gelächter als Zeichen von Vergesslichkeit: Mit so etwas beginnt Brechts Gedicht, etwas Derartigem scheint unsere Zeit zu gleichen, der wir manchmal vielleicht nicht genug vertrauen, dass sie eine entscheidende Zeit ist. Aber dies ist genau der Grund, warum wir darüber sprechen sollten, was die Bäume in ihrem Blätterwerk verbergen. Deshalb sollten wir unsere Prinzipien infrage stellen, unsere politische Korrektheit, unsere moralische Aufrichtigkeit, unsere Loyalität gegenüber einer linksideologischen Auffassung, die uns in eine Elite bedenklicher Besserwisser verwandelt hat, die aufgehört hat, von irgendjemandem anders als ihr selbst gebraucht zu werden. Wir haben den Tod einer Sozialdemokratie verschlafen, die sich in bloße Rhetorik zurückgezogen hatte, in leere Versprechen und die Werbung für eine Demokratie ohne alle Folgen für die Wirklichkeit. Dann erwachten wir, wir taten es tatsächlich, aber nur, um zu begreifen, dass während unserer träumerischen Abwesenheit die Welt sich von Grund auf geändert hatte.

Nun wiederholen wir einander, dass wir nicht glauben können, was gerade geschieht. Woher kommt Trump im Weißen Haus? Woher Orbán in Ungarn? Woher die vielen Journalisten in türkischen Gefängnissen? Woher die Toten auf dem Grund des Mittelmeers? Woher die angespülten Kinder an den Stränden? Woher die Panik und der Hass? Woher all diese Zweifel und Fragen? Woher dieser Unglaube, der uns noch dümmer zu machen scheint? Und warum können wir nicht damit aufhören, uns ein ums andere Mal zu sagen, dass wir es nicht glauben können, nein, wir können es nicht, können es nicht, können es einfach nicht, während wir es in Wahrheit können und müssen, weil uns die Wirklichkeit durch ihre monströse Vorstellungskraft lehrt, dass tatsächlich ALLES MÖGLICH IST.

Du schreibst: „Wie Du weißt, sind bei uns rückwärtsgewandte Politik und Maßnahmen gang und gäbe. Unter dem Schleier einer gemäßigten Christdemokratie werden wir von den konservativen Organisationen einer Folter unterzogen, der Kirche, den Kriegsveteranen und jedem anderen, der die kroatische Flagge in den Kreuzzug gegen ‚uns’ trägt. Kriegsveteranen verwüsten das kroatische Zentrum für audiovisuelle Kunst. Ein Tränengaskanister fliegt in einen Schwulenclub; die Polizei unternimmt nichts. Der Premierminister deckt blindlings seinen Wissenschafts- und Kultusminister, der sich eines Plagiats schuldig gemacht haben soll. Ich erkenne nun, dass die kommende Zeit die Zeit des Kampfes und des Widerstands werden muss, wenn wir in dieser Schlacht vorankommen und nicht noch einmal zehn Jahre verlieren wollen.“ Goran, wir beide wissen, dass Solidarität nur in Krisenzeiten entsteht.

Aus dem Englischen von Gregor Dotzauer. Die kroatische Schriftstellerin und Dramatikerin Ivana Sajko, 1975 in Zagreb geboren, lebt in Berlin. Im Verlag Voland & Quist erschien zuletzt ihr „Liebesroman“. Dieser Text ist ein Auszug aus einem Brief an den kroatischen Dramatiker Goran Fermec. Vollständig ist er am 5. Mai im Literaturhaus (Fasanenstraße 23) zu hören, wo im Rahmen eines von der Schriftstellerin Priya Basil kuratierten Europäischen Feiertags ab 18 Uhr Lesungen, Stand­up-Performances, Diskussionen, eine Ausstellung und ein Konzert geplant sind. Der Eintritt ist frei. Mehr unter literaturhaus-berlin.de

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