„Ein königlicher Tausch“ : Edelbräute auf dem Schachbrett

Machtspiele in Versailles: In „Ein königlicher Tausch“ erzählt Regisseur Marc Dugain vom Verfall zweier Herrscherdynastien.

Mit Steckenpferd. Die vierjährige Maria Anna (Juliane Lepoureau) wird mit dem französischen Thronfolger verheiratet.
Mit Steckenpferd. Die vierjährige Maria Anna (Juliane Lepoureau) wird mit dem französischen Thronfolger verheiratet.Foto: Alamode

Hach, ist die winzig. In Versailles hält der Hofstaat den Atem an, als die spanische Infantin Maria Anna Victoria aus der Kutsche klettert. So zart wie die Statur der anmutigen Braut ist auch ihr Alter. Die Prinzessin ist vier. Ihr Bräutigam, der französische König Ludwig XV., mustert seine Zukünftige so zögerlich wie ratlos. Was in aller Welt soll ein verlorener Junge wie er mit diesem vertrauensvoll zu ihm aufblickenden Mädchen anfangen? Ludwig ist elf. Die Volljährigkeit erreicht der längst zum absolutistischen Herrscher gekrönte Knabe mit 13.

Das Privileg einer geschützten Kindheit ist 1721 unbekannt. Selbst in Seide eingeschlagene Prinzen und Prinzessinnen haben kein Recht auf Glück. Sie sichern Herrscherdynastien. Und in Marc Dugains elegantem Historiendrama „Ein königlicher Tausch“ dienen sie als Schachfiguren in den Politstrategien zwischen Frankreich und Spanien.

Die sehr spezielle Abhängigkeitsperspektive kindlicher Aristokraten, die der auf Historienstoffe spezialisierte Schriftsteller und Regisseur aufmacht, steht im wogenden Geraschel der Kostümfilme dieser Saison noch aus. Genau wie in den den Königinnen gewidmeten Sittenbildern „The Favourite“ oder „Maria Stuart, Königin von Schottland“ treten auch hier die Individuen aus ihrem Zeittableau heraus. Und in den unruhigen Augen von Ludwig XV., dessen Familie von den Pocken dahingerafft wird, mischen sich emotionale Not und erwachender Ehrgeiz, den unablässig auf ihn einteufelnden Beratern Paroli zu bieten. Es ist ein intim inszeniertes Schauspiel, wie im Kind der König erwacht. „Was meinen Sie?“, wird der Junge nach einer politischen Entscheidung gefragt. Darauf antwortet der von Igor van Dessel gespielte König in trotziger Selbsterkenntnis: „Ich meine nichts!“ Von diesem Ohnmachtsausbruch bis zur Macht ist es nur noch eine Frage der Zeit.

Ganz anders ergeht es den Prinzessinnen, die im Ancien Régime weder Wissen zu erwerben noch Staatsgeschäfte zu führen haben. Der zwölfjährigen Louise Elisabeth (Annamaria Vartolomei), die ihr Vater, der Herzog von Orléans, zur Gattin des spanischen Thronfolgers Don Luis (Kacey Mottet Klein) bestimmt. Und eben der mit Herzensbildung gesegneten, aber anfangs wachstumsscheuen Infantin (Juliane Lepoureau).

Elisabeth verweigert sich

Marc Dugain stellt die absurden, aber prächtigen Bilder in größter erzählerischer Selbstverständlichkeit nebeneinander: die mit dem Steckenpferd durch Versaille jagende Infantin, die beim Anblick des sie verschmähenden Ehemanns in züchtige Damenposen verfallende Kindfrau und das an einen Geiselaustausch erinnernde Zeremoniell der Übergabe der Edelbräute.

Louise Elisabeth immerhin macht nicht mit, Staatsräson hin oder her. Sie verweigert sich am spanischen Hof: der bigotten Frömmigkeit, die der irre König Philipp V. (Lambert Wilson) inklusive morgendlicher Selbstgeißel pflegt. Der Familienaufstellung mit Gatten und Schwiegereltern. Und dem Bett des vor Unsicherheit und Liebessehnen bebenden 14-jährigen Gemahls.

Jeder dieser Tabubrüche für sich wäre ein Grund, die ungebärdige Prinzessin stante pede zurückzuschicken. Doch das bedeutet Krieg. Und den fürchten die von endlosen Erbfolgegemetzeln ausgezehrten Höfe in Spanien und Frankreich noch mehr als Gott, die Pest und die Pocken. Die Seuchen zwingen bei Kutschfahrten zu Umwegen und überwinden selbst die Tore nobler Königsschlösser. Das 18. Jahrhundert neigt nicht zu hoher Lebenserwartung. Noch ein Grund mehr, Kinder so ernsthaft wie Erwachsene zu behandeln. Das verschafft Dugains um Würde und Position ringenden Nachwuchsherrschern einen Nimbus, den die langen Einstellungen auf ihr Mienenspiel unterstreichen. Die Kinder kennen ihre Verantwortung. Infantilisieren kann die Kultur des 21. Jahrhunderts ja längst viel besser.

Ein Hauch Shakespeare

Dass Dugain die aristokratische Aura seiner Charaktere nicht opfert, obwohl er die Degeneration der Monarchie auch mittels beschickerter Hofschranzen-Figuren illustriert, verleiht dem „königlichen Tausch“ Charisma und einen weihevollen Hauch Shakespeare’schen Königsdramas. Die derzeit an keinem Kino-Hof fehlenden homoerotischen Bezüge wirken dagegen – obwohl historisch verbürgt und bei um Identität und Liebe ringenden Jugendlichen naheliegend – eher aufgesetzt. Umso einleuchtender fällt die obsessive Auseinandersetzung mit dem Tod aus, der, wie Philipp V. betont, ja sowieso dasselbe wie das Leben ist. Eingedenk seiner Macht ist selbst ein Urenkel des Sonnenkönigs gut beraten, sich eine Wache ans Fußende des Bettes zu befehlen. „Auch am Vorabend meiner Mündigkeit weigern wir uns, allein zu schlafen.“ So spricht der König.

In den Kinos Filmkunst 66, FSK, Toni, Kulturbrauerei (alle OmU)

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