In diesem Roman geht es um Weggehen und Ankommen

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Ein Treffen mit der Autorin Nellja Veremej : Die Häuser sind meine Felsen
Nicole Henneberg

Dieses erstaunliche, auf Deutsch geschriebene Debüt erzählt zwei subtil ineinandergreifende Geschichten: Da ist zunächst die resolute Lena, die es in Berlin wahrlich nicht leicht hat. Sie jobbt als Altenpflegerin und hat nicht nur eine aufmüpfige, pubertierende Tochter zu bändigen, sondern auch einen verträumten, kindisch unrealistischen Ehemann, der schnell reich werden will und ein Verlustgeschäft nach dem anderen macht.

Der alte Ulf Seitz ist das genaue Gegenteil: zurückhaltend, kultiviert und korrekt, genau so, wie Russen sich den idealen Deutschen vorstellen. Er, der in Berlin geboren ist und sein ganzes Leben in der Nähe des Alexanderplatzes verbracht hat, wird zur zweiten Erzählstimme des Romans – ein Kunstgriff, der ein differenziertes Zwiegespräch eröffnet über russische Zwangsarbeiter, die Schuld der Sieger, die Arroganz der Besiegten und Denkverbote in Ost-Berlin.

Herr Seitz erlebte den Zusammenbruch der DDR-Strukturen als braver Journalist und muss sich jetzt von seinem Sohn vorwerfen lassen, er habe zwei Diktaturen gegenüber eine „kriecherische Haltung“ eingenommen, dabei wollte er nur immer alles richtig machen. Ein weitverbreiteter Typus, sagt Nellja Veremej, den sie bei aller Selbsttäuschung sympathisch, fast schutzbedürftig findet: Vielen solcher Menschen kam sie als Pflegerin und später als Russischlehrerin sehr nah.

Es geht um Träume und Fremdsein, um Weggehen und Ankommen in diesem poetischen, aber auch ungeschönt realistischen Roman, der mit einer zarten Winterszene im eingefrorenen Kema beginnt und mit einem spartanischen Weihnachtsfest im Krankenhaus endet. Der Schock der Erinnerung brachte Nellja Veremej zum Schreiben, als sie endlich in Berlin sesshaft geworden war.

Wie weit der Weg war, den sie zurückgelegt hatte, das erkannte sie erst bei den Reisen in das staubige Städtchen ihrer Kindheit. Die Passagen im kargen, ihr fremd gewordenen Häuschen der Mutter mit den zugeklebten Fenstern gehören zu den witzigsten, aber auch traurigsten des Romans. Hier funktionieren ihre Blicke in die Vergangenheit wie eine verzerrende, verdrehende Camera obscura, was auch als Hommage an ihren Lieblingsschriftsteller Vladimir Nabokov zu verstehen ist.

Nellja Veremej: Berlin liegt im Osten. Roman. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2013. 318 S., 22 €.

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