Eine Fotoausstellung in Paris : Bilder aus dem brasilianischen Urwald

Vom Ende der Yanomami: Fotografien von Claudia Andujar in der Pariser Fondation Cartier.

Christiane Meixner
Unberührbar. „The young Susi Korihana thëri swimming“, aufgenommen um 1972.
Unberührbar. „The young Susi Korihana thëri swimming“, aufgenommen um 1972.Foto: Claudia Andujar

Als hätte es die Fondation Cartier geahnt. Unter dem Titel „La Lutte Yanomami“, der Kampf der Yanomami, zeigt das private Pariser Ausstellungshaus aktuell Fotografien von Claudia Andujar. Ästhetisch sind die eindrucksvollen Motive aus dem brasilianischen Urwald längst kanonisiert.

Die Kunstbiennale von São Paulo hat sie 2007 ebenso gezeigt wie vor drei Jahren das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Dazu sind sie Teil zahlreicher musealer Sammlungen.

Und doch betritt die Fondation mit ihrem Projekt, das momentan umfassend auf der Website dokumentiert wird und nach Wiedereröffnung der Museen in Frankreich noch bis in den Herbst zu sehen ist, ein Zwischenreich.

Denn was immer die 1931 geborene Fotokünstlerin wie auch Aktivistin auf ihren Bildern festhält, verfolgt einen konkreten Zweck. Andujar kämpft für den Erhalt des Regenwaldes, indem sie ihn in seiner ganzen Schönheit visuell ausbreitet.

Und sie setzt sich für die Autonomie jener indigenen Völker ein, die seit den ersten historischen Amazonas-Expeditionen permanent der Vernichtung ausgesetzt sind.

Auch Jair Bolsonaro taucht in den Aufnahmen auf

Seit den siebziger Jahren hat sie den Alltag und die Riten der Yanomami fotografiert. Ihre Porträts sind legendär, in der ewigen Dämmerung des Regenwaldes mit lichtempfindlichen Filmen aufgenommen und deshalb ohne Absicht voller Reflexe und Verwischungen.

Dass jüngst ein Teenager der Yanomami an den Folgen seiner Covid-19-Infektion starb, gehört zu den Umständen, die der Schau gespenstische Aktualität verleihen. Ein anderer tritt in der Ausstellung in einem kurzen Video auf, das Andujars teils 50 Jahren alten Aufnahmen selbst im kulturellen Schutzraum jede Unschuld nimmt: Jair Bolsonaro.

Der brasilianische Präsident kündigt darin die wirtschaftliche Ausbeutung des Regenwaldes in bislang ungekanntem Ausmaß an. Tatsächlich hat sich die Abholzung 2019 laut der brasilianischen Weltraumagentur INPE verdoppelt und geht der Tod des jungen Yanomami auf das Konto jener vielfach illegalen Arbeiter, die immer tiefer in jene Regionen eindringen, die bis zu Bolsonaros Übernahme der Regierung streng geschützt waren, und Krankheiten einschleppen.

[Fondation Cartier, 261 boulevard Raspail, Paris, www.fondationcartier.com]

Claudia Andujars Aufnahmen wirken vor diesem Hintergrund wie eine Erinnerung an alles, was verloren geht. Ein Appell, trotz oder auch gerade über Corona hinaus empfänglich für andere Risiken zu bleiben, die die Zukunft der Zivilisation bedrohen.

Dass die Fondation Cartier neben herausragenden Ausstellungen etwa über die „Kunst der Geometrie“ von Mexiko bis Patagonien 2019 Platz für hochpolitische Werke schafft, ist ihr hoch anzurechnen.

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