Einziges Deutschlandkonzert des Popstars : Lana del Rey bringt Kalifornien nach Berlin

Von wegen Trübsal-Tante: Die Sängerin Lana del Rey nimmt sich in Berlin viel Zeit für ihre Fans und verbreitet das sonnige Lebensgefühl ihrer Heimat.

Lana del Rey singt in der Mercedes-Benz-Arena.
Lana del Rey singt in der Mercedes-Benz-Arena.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Das muss man erst einmal bringen: sich über das Paradies beschweren, weil man in ihm nicht allein sein darf. Lana Del Rey beginnt ihr einziges Deutschland-Konzert im Rahmen der „LA to the Moon“-Welttournee mit der Klageballade „13 Beaches“. Darin begründet die Sängerin ihr Lebensgefühl des Außenseitertums und Unbehaustseins – die erste Zeile lautet „I don’t belong in the world“ – mit einer Beschwerde darüber, dass sie zwölf Strände abklappern musste, um dann doch noch den einen zu finden, den sie für sich allein hat.

„Finally I’m fine“, seufzt sie, während sie in der Berliner Mercedes-Benz-Arena durch ein Bühnenbild stakst, das mit gigantischen Kieselattrappen, Strandliegen und Kunstpalmen an die kubistischen Kulissen der Trickfilmserie „Familie Feuerstein“ erinnert. Später, wenn die Bühne in grünlich waberndem Swimmingpoollicht erstrahlt, wird der Abend noch seinen großen David-Hockney-Moment bekommen. Lana Del Rey ist die Königin des Retropop, und das kalifornische Lebensgefühl bringt sie überall hin, wo sie auftaucht hat sie stets im Koffer. Californication, das ist ihr Programm. Weil Songs wie „White Mustang“ oder „Born to Die“ oder „Blue Jeans“ kaum einmal den Rhythmus von 100 Beats per Minute überschreiten und damit unter dem durchschnittlichen Herzfrequenz liegen, werden sie von einschlägigen Websites wie „jog.fm“ als Begleitung zum langsamen Strandlauf empfohlen. Die Welt wäre nicht nur sonniger und schöner, wenn sie kalifornischer würde, sie wäre auch gesünder.

Mit Donald Trump will Del Rey nichts zu tun haben

Zwölftausend Zuschauer sind in die nicht ganz ausverkaufte Halle gekommen, die Stimmung ist von Anfang an frenetisch. Die Sängerin, die vor 32 Jahren als Elizabeth Woolridge Grant in New York geboren wurde und mit ihrem Künstlernamen auf die Leinwanddiva Lana Turner und den Ford Del Rey verweist, trägt ein dunkelblaues Minikleid, bestickt mit Blumen. Ihr dunkles Haar hat einen madonnenhaften Mittelscheitel, bemerkenswert sind die Kunstwimpern und der extem dünne Lidstrich, eine Hommage an Sixties-Sirenen wie Nancy Sinatra oder Dusty Springfield.

Begleitet wird Del Rey von einer vierköpfigen Band und zwei Tänzerinnen. Ihre schwelgerische Electrohymne „Cherry“ lässt sie in „Scarborough Fair“ übergehen, einen Folkklassiker aus dem Mittelalter, der in der Version von Simon und Garfunkel berühmt wurde. Und bevor sie ihren Protestsong „National Anthem“ anstimmt, der mit Parolen wie „Money is the reason we exist“ den Hedonismus geißelt, haucht sie Marlilyn Monroes „Happy Birthday Mr. President“, mit dem Hinweis, dass es um John F. Kennedy geht. Mit Donald Trump will sie nichts zu tun haben.

An den majestätischen Minimalismus ihrer Studioaufnahmen reicht die Live-Musik nicht heran. Dafür klingen die E-Gitarren zu verwaschen, der Schlagzeugbeat zu rumpelig, und bei „Lust For Life“, dem Titelstück ihres Albums aus dem letzten Sommer, versackt das vom kanadischen R&B-Star The Weeknd programmierte Synthie-Geknatter im Playback. Egal. Die Unzulänglichkeiten des Sounds macht Del Rey mit ihrer Performance wett.

Und sie beweist, dass sie alles andere als die Trübsal-Tante und lebende Männerfantasie ist, als die sie verspottet wurde, nachdem sie mit der bittersüßen Fünfminutensymphonie „Video Games“ 2011 den Durchbruch schaffte. Immer wieder steigt sie über ein Treppchen von der Bühne hinab zu den Fans, deren Hardcore-Kern in der ersten Reihe aus jungen Frauen zwischen 20 und 30 Jahren besteht, die ihr aus ganz Europa hinterherreisen. Sie macht Selfies, lässt sich auf die Wange küssen, nimmt Geschenke entgegen. Aus der Diva wird eine große Schwester. Als Lana Del Rey nach zweieinalb Stunden, nach „Summertime Sadness“, „Get Free“ und „Off to the Races“ im Off verschwindet, hebt sie ihre Finger zum Victory-Zeichen. Sie kam, sang und siegte.

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