Elbow live in Berlin : Musik wie die Umarmung eines guten Freundes

Aufrichtig euphorisch: Die britische Artrock-Band Elbow begeistert bei ihrem Konzert im ausverkauften Huxleys.

Ein Frontmann zum Verlieben. Guy Garvey, Sänger der Band Elbow.
Ein Frontmann zum Verlieben. Guy Garvey, Sänger der Band Elbow.Foto: Werner Herpell/dpa

Wer am Donnerstag das Elbow-Konzert in Huxleys Neuer Welt besucht hat, war hinterher garantiert heiser. Mitsingen ist bei der britischen Artrock-Band kein stumpfes Rockklischee, sondern integraler Bestandteil der Show, und selten macht es so viel Spaß: Elbow haben ein Händchen fürs Hymnische und einen Frontmann, mit dem man sich hervorragend vorstellen kann, Arm in Arm Fußballlieder, Weihnachtsständchen oder alte Folksongs zu singen.

Guy Garvey liebt sein Publikum, und das beruht auf Gegenseitigkeit: Mit rotkariertem Holzfällerhemd betritt er die Bühne der ausverkauften Halle und prostet den jubelnden Besuchern mit einem Glas Bier zu. „Dexter & Sinister“ vom kürzlich veröffentlichten siebten Album „Giants Of All Sizes“ eröffnet den Abend ungewohnt rockig.

Doch schnell geht die Balladen-Band Elbow zu dem über, was sie am besten kann: Als Garveys warme Samtstimme bei „Fly Boy Blue / Lunette“ plötzlich ins Falsett umschlägt und diese hoffnungsvolle Melancholie verbreitet, die den Sound von Elbow so einzigartig macht, ist das zum Heulen schön. Musik wie die Umarmung von einem guten Freund.

„Geht’s euch gut?“, fragt Garvey mit breitem Mancunian-Akzent und scheint das wirklich ernst zu meinen. Auch seine häufigen Aufforderungen zum Mitsingen, denen das Publikum gerne nachkommt, wirken nicht aufgesetzt. Der massige Sänger plaudert viel, baut Blickkontakt zu einzelnen Besuchern auf, scherzt und erhebt sein Glas auf Freunde und Mitstreiter. Garvey ist die perfekte Mischung aus Kneipen-Kumpel und Gentleman - es ist wirklich schwer, ihn nicht zu mögen.

Die Songs handeln von zerbrochenen Beziehungen, von Freundschaft, vom Nach-Hause-kommen – und vom Brexit: „Wir genießen es, Europäer zu sein!“, sagt Garvey unter Applaus und entschuldigt sich für den „fucking brexit bullshit“, der in seiner Heimat dazu führe, dass das Land gespalten sei und es keinen Dialog mehr zwischen den Menschen gebe. Der Song „Little Fictions“ ist die passende Antwort darauf: Bombastisch, aber dennoch geerdet, singt Garvey „Love ist the answer!“ Für Gänsehaut sorgen das berührende „Weightless“ und „Magnificent (She Says)“, bei dem das ganze Publikum laut mitsingt – wie bei fast allen Songs, die jetzt noch folgen.

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„Wollen wir nochmal zusammen singen?“, fragt Garvey unnötigerweise vor der Zugabe, die aus den Großtaten „Lippy Kids“ und „One Day Like This“ besteht, letzterer wird fast Wort für Wort vom ganzen Saal intoniert. Großbritannien kann sich glücklich schätzen, eine Band zu haben, die so viel Aufrichtigkeit und Herzlichkeit in sich vereint. Wenn jemand versöhnen kann, dann Elbow.

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