In Siegfried Lenz' Roman "Die Deutschstunde" trägt der Maler Nansen unverkennbar Noldes Züge.

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Emil Nolde : Die Geister, die er rief
Das Unheimliche in grellen Farben. Noldes „Trophäen der Wilden“, 1914.
Das Unheimliche in grellen Farben. Noldes „Trophäen der Wilden“, 1914.Foto: Nolde Stiftung Seebüll

Für Nolde lief es dennoch gut. Seine treuen Sammler kauften so lange weiter, bis ihn die Reichskunstkammer 1940 ausschloss – und damit zugleich vom offiziellen Kunstmarkt. Der Maler zog sich zurück, schöpfte über Jahre aus der reinen Fantasie und ließ seine Serie der „Ungemalten Bilder“, kleine Aquarelle, auf über tausend Blätter anwachsen. Die Landschaften, Menschen und Tiere dieser Phase sind ausschnitthaft in der Frankfurter Ausstellung zu sehen, ebenso spätere Übertragungen in größere Formate.

Mit dieser Zäsur in seiner Biografie fühlte Nolde sich nach 1945 berechtigt, staatliche Entschädigung zu fordern, als ein von den Nazis verfolgter Maler. Einsicht in sein widersprüchliches Verhalten zeigte er im Gegenzug nicht, und auch die Stiftung Seebüll als Nachlassverwalter war lange Zeit mehr mit der Verdrängung von Noldes Sympathie für die Nationalsozialisten beschäftigt, als sich dem Künstler in allen Facetten zu widmen.

Da wundert es wenig, wenn nun noch eine Geschichte hochkommt und für Debattenstoff sorgt. Es geht um die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz. Im Roman von 1968 lässt der Schriftsteller den Maler Max Ludwig Nansen auftreten, dessen Bilder die Nazis beschlagnahmen und vernichten wollen. Als Handlanger in der Provinz tritt Polizist Jepsen an, der den alten Freund gewissenlos mit einem Malverbot belegt: „Ich tue bloß meine Pflicht.“ Um diesen Kernsatz gruppiert Lenz seine Figuren, den Pflichterfüller, das Opfer. Nansen, das ist Nolde, der 1867 in dem Dorf Nolde als Hans Emil Hansen zur Welt kam. Sein literarisches Alter Ego: eine aufrechte Figur, die Nolde nun einmal nicht war. Der Maler war ein schwieriger Mann, der die Stadt hasste, aber von ihrem Kunstbetrieb anerkannt werden wollte. Der gegen Kollegen wie Max Pechstein hetzte und dafür von Seinesgleichen gemieden wurde. Der in Hitler einen Helden sah, bis er von ihm verstoßen wurde. Und wenn er reihenweise Sammler und Galeristen vor den Kopf stieß, glättete seine Frau Ada diplomatisch die Wogen.

Verändert dieses Wissen den Blick aufs Werk? Es ist die alte Frage, wie weit sich die Kunst vom Biografischen abkoppeln lässt. Politisch konnotiert sind Noldes Bilder jedenfalls nicht. Dafür spiegeln sich die Brüche seines Lebens auch in der Genese der Arbeiten. Nolde erscheint als Getriebener, den es bis an die Grenze zum Ungegenständlichen zieht. Auf der anderen Seite malt er die Natur so unversehrt und atmosphärisch, dass alles Störende bis hin zum Telegrafenmast ausgespart bleibt. Lieber sieht Nolde im Unterholz Geister, betätigt sich als Märchenmacher, der seine Sujets immer wieder anders in den Blick nimmt und keine Angst vor dem vermeintlich Hässlichen hat.

Das alles offenbart die Ausstellung im Frankfurter Städel, also weit mehr als jene holzschnittartige Gegenüberstellung von Gut und Böse, die man der „Deutschstunde“ gern unterstellt. Auch Siegried Lenz hat seinen Roman mehrdimensional angelegt.

Städel Museum Frankfurt/M., Schaumainkai 63, bis 15. 6. Di/Mi/Sa/So 10 - 18 Uhr, Do/Fr 10 - 21 Uhr. Der Katalog kostet 39, 90 € ( 300 S., 335 Abb., Prestel Verlag)

  • Die Geister, die er rief
  • In Siegfried Lenz' Roman "Die Deutschstunde" trägt der Maler Nansen unverkennbar Noldes Züge.
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