Emotionale Selbstoptimierung : Ist das der Weg zum Glück?

Wenn das Glück zur Leistung wird, ist der Unglückliche ein Versager: Eva Illouz und Edgar Cabanas untersuchen den Zwang zur emotionalen Selbstoptimierung.

Meike Feßmann
Der Weg zum Glück ist doch so einfach. Ein Traumstrand mit Palmen steht bei vielen Menschen ganz oben auf der Liste.
Der Weg zum Glück ist doch so einfach. Ein Traumstrand mit Palmen steht bei vielen Menschen ganz oben auf der Liste.Foto: Imago

Als sich 2014 herausstellte, dass Facebook die Gefühle seiner Nutzer manipuliert, war die Empörung groß. Stimmungen lassen sich lenken, durch Wortwahl, Kontexte, Wertungen. Gefühle sind nicht einfach nur da, sie werden durch verschiedene Faktoren beeinflusst.

Seit Aldous Huxleys Roman „Schöne neue Welt“ und George Orwells „1984“ ist diese Erkenntnis Teil des kulturellen Wissens und fast schon ein Bonmot. Wir alle wissen, dass Gefühle leicht zu manipulieren sind. Auch der Gedanke, die eigenen Gefühle zu beeinflussen, ist keineswegs neu. Schon die antike Lebenskunst wusste um die Fähigkeit des Menschen, übend auf sich einzuwirken.

Warum spricht Eva Illouz in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch von einem „Glücksdiktat“? Die israelische Soziologin, bekannt durch ihre Bücher über Liebe und Kapitalismus und ihre Kritik am Freudianismus, hat den spanischen Psychologen Edgar Cabanas ins Boot geholt. Zusammen erkunden sie den Aufstieg des Glücks zu einer neuen Norm.

Das begann vor rund 20 Jahren, als der amerikanische Psychologe Martin Seligman die Positive Psychologie begründete. Der langjährige Präsident der American Psychological Association erzählte dazu eine Geschichte, die typisch für die Entdeckung persönlichen Glücks geworden ist.

Seine kleine Tochter habe eines Tages beschlossen, dass sie nicht mehr weinen wolle, und sie habe ihren Vater gefragt, warum er so ein „Meckerfritze“ sei. Stimmt eigentlich, überlegte sich der Ältere. Schließlich könnte er doch auch gut gelaunt durchs Leben gehen. Und so geschah es.

Die Glücksökonomie im Aufschwung

Von Anfang an war die Glücksforschung finanziell gut ausgestattet. Überdies verbündete sie sich mit der Glücksökonomie, einem Unterfach der Ökonomie, das seit den 1980er Jahren im Aufwind war. Ein wesentlicher Aspekt, dass das Glück zu einem Indikator werden konnte, dem sich ganze Volkswirtschaften verschreiben, war die Umcodierung von einem Gefühl, das man in Worten ausdrückt, zu einem messbaren Zustand.

Methodologisch zweifelhaft ist das besonders dann, wenn man Probanden Skalen vorlegt, in denen sie ihre Gefühle selbst einschätzen sollen. Ein Beispiel wäre etwa der „Glücksatlas“ der Deutschen Post, der die Rangfolge der Bundesländer nach Zufriedenheitswerten hierarchisiert.

Die Umstellung vom krankheitsorientierten Modell der Psychiatrie und Psychoanalyse auf die Zielgruppe gesunder Menschen, die an ihrer Selbstverbesserung arbeiten, hat der Positiven Psychologie einen riesigen Markt erschlossen. Das Glück wurde zur „Fetischware einer milliardenschweren Industrie“, die Konsumgüter, Reisen, Coachings, Besinnliches und Sportliches umschlägt.

Das Expansionspotenzial dieser Industrie ist nicht zuletzt deshalb enorm, weil in die „Erzählgattung der Selbstverbesserung“ die Unvollkommenheit eingeschrieben ist. Es geht immer noch ein wenig besser, glücklicher, zufriedener. Überdies legt sie nahe, dass der glücklichere Mensch auch moralisch überlegen sei, ein „Kurzschluss“, der höchstens das Wohlgefühl des Selbstoptimierers steigert.

Selbstmanipulation ist keine Befreiung

Die Glücksideologie kommt der neoliberalen Anforderung nach Flexibilität, wie sie Richard Sennett in „Der flexible Mensch“ (The Corrosion of Character, 1998) beschrieben hat, entgegen. Die Idee, dass sich der Einzelne durch mentale Techniken regenerieren soll, um dann umso belastbarer zu sein, ist sicherlich keine Befreiung, sondern vereinfacht es den Arbeitgebern, die Abläufe effizienter zu machen, wie Illouz und Cabanas zurecht kritisieren.

[Edgar Cabanas, Eva Illouz: Das Glücksdiktat. Und wie es unser Leben beherrscht. Aus dem Französischen von Michael Adrian. Suhrkamp, Berlin 2019. 242 Seiten, 15 €.]

Dass sich „positive“ und „negative“ Gefühle keineswegs so leicht trennen lassen, wie das die Positive Psychologie unterstellt, ist ein scheinbar schlichtes, aber starkes Argument. Viele Gefühle sind diffus oder gemischt. Außerdem spielen bei dem, was wir Gefühle nennen, Empfindungen und Bewertungen, Interpretationen, historische sowie kulturelle Bedeutungen eine Rolle, ebenso wie soziale Strukturen.

Eva Illouz und Edgar Cabanas tragen einiges zusammen, was ihre Beobachtung von der fatalen Auswirkung der „Gefühlspornografie“ auf die Gesellschaft untermauert. Sie kritisieren Studien, in denen die Probandenzahl zu klein ist und mathematische Fehler geradezu ins Auge springen.

Sie beschreiben, wie die Positivität zu einer „tyrannischen Geisteshaltung“ wurde, die negative Gefühle als nutzlos und verachtenswert denunziert. Sie warnen davor, dass Mitleid und Mitgefühl abnehmen, sobald man davon ausgeht, dass jeder mit ein bisschen Selbstmanipulation seine Gefühle ändern und seinen Gesundheitszustand verbessern könnte. Der wirklich Leidende bleibt mit seinem Leid allein.

Der Glückszwang wird zur Norm

Die Soziologin und der Psychologe sind nicht die Ersten, die die Fixierung auf das Glück infrage stellen. Mit „Smile or Die“ hat die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich schon vor zehn Jahren das Thema mit der gleichen Stoßrichtung bearbeitet. Wie soziale Medien gerade bei jungen Menschen das „Glücksgebot“ zum Zwang werden lassen, hat die amerikanische Theologin und Philosophin Donna Freitas in „The Happiness Effect“ untersucht.

Es ist der Effekt, den Illouz und Cabanas, die beide Studien zitieren, treffend als neue Norm beschreiben. Wenn dem Glück alles Zufällige und Unverfügbare fehlt und es als Leistung verstanden wird, ist der Unglückliche der Versager schlechthin. Der Schlussappell, dass sich die Menschen statt um ihre Innenwelt um „Erkenntnis und Gerechtigkeit“ kümmern sollten, greift allerdings etwas kurz.

Eva Illouz widmet sich seit vielen Jahren der Erkundung von Emotionen und hat das Nachdenken über die Liebe in Zeiten des Spätkapitalismus auf ein neues Niveau gehoben. „Das Glücksdiktat“ ist eher ein Nebenprodukt. Es finden sich darin weder eigene Studien noch neueste empirische Erkenntnisse.

Wenn eine optimistische Lebenseinstellung tatsächlich zur Verlängerung des Lebens beitragen sollte, wofür es belastbare Hinweise gibt, dann ließe sich die Frage nach Gerechtigkeit eher über den Zugang zu entsprechenden Übungsprogrammen lösen als durch Kritik an der dahinterstehenden Ideologie.

Ein Glücksanspruch, der als Norm zum zusätzlichen Stressfaktor wird, hat gewiss eine unsoziale Komponente. Aber gilt diese Norm tatsächlich in allen Schichten? Oder setzt sie vor allem die Selbstoptimierer unter Druck, die zu einem nicht unbeträchtlichen Teil der Schicht angehören dürften, die der Soziologe Andreas Reckwitz in seinem jüngsten Essay-Band „Das Ende der Illusionen“ als „neue Mittelklasse“ definiert?

Urban, vernetzt, globalisierungsfreudig, kulturaffin, gebildet und leistungsorientiert, gelingt ihr die Verbindung von Erfolg und Selbstverwirklichung. Das kann leicht zu einer Form demonstrativen Glücks führen, das unablässig in die Welt gepostet werden muss, um noch intensiver gefühlt zu werden. Die Fokussierung der Sozial- und Kulturwissenschaften auf Emotionen gerät momentan kritisch in den Blick. Mal sehen, was danach kommt.

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