Englische Könige als Kunstsammler : Die verborgenen Bilder der Krone

Sensation in London: Der englische König Charles I. sammelte exquisite Kunst. Nach über 350 Jahren kommt sie in einer großen Ausstellung ans Licht.

Gemalte Visitenkarte. Anthonis van Dyck stellte König Charles I. in drei verschiedenen Ansichten dar – aber auf einer einzigen Leinwand, geschaffen 1635/36 als Vorlage für den Bildhauer Bernini in Rom.
Gemalte Visitenkarte. Anthonis van Dyck stellte König Charles I. in drei verschiedenen Ansichten dar – aber auf einer einzigen...Foto: Royal Collection Trust/© Her Majesty Queen Elizabeth II

England, so heißt es seit dem Brexit-Votum allenthalben, sei ein tief gespaltenes Land. Auf diesem Hintergrund wirkt es überaus plausibel, dass etwa Filme über Churchill Konjunktur haben – da geht es um jene nationale Größe, die gerade vollends abhanden zu gehen droht.

Nun sind Erinnerungen an gloriosere Zeiten im Vereinigten Königreich seit jeher en vogue; spätestens seit dem Zerbröseln jenes Empire, das als Commonwealth noch schemenhaft erkennbar ist. Tatsächlich stammt der Begriff des Commonwealth aus einer ganz anderen Epoche: der der Wirren des 17. Jahrhunderts. Die elf Jahre von 1649 bis 1660, da England und mit ihm bald auch Schottland und Irland eine Republik bildeten, hieß das Land „Commonwealth of England“.

König Charles I. wurde auf Betreiben des Parlaments und seines Heerführers Oliver Cromwell vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. 1660 hingegen wurde sein Sohn aus dem Exil zurückgerufen und mit ihm als Charles II. die Monarchie restauriert. Beide Könige samt der elfjährigen Republik überspannen 60 Jahre der englischen Geschichte, von 1625 bis 1685.

Ein König, der Kunst sammelte und förderte

Bevor Charles I. am 30. Januar 1649 zum Schafott geführt wurde, ging er ein letztes Mal durch die riesigen Räume des Palasts von Whitehall. Von dem ist, da er 1698 bis auf die Grundmauern niederbrannte, bis auf das hochbedeutende Banqueting House nichts geblieben. Unter Karl muss er ein überaus prachtvolles und vor erlesenen Kunstwerken strotzendes Anwesen gebildet haben.

Noch weit mehr Kunst war dort zu sehen als zwanzig Jahre zuvor, als Peter Paul Rubens, der Maler-Diplomat, 1629 für einige Monate in bedeutender Mission in London weilte. Beeindruckt von Besuchen der Londoner Adelspaläste lobte er brieflich den „Glanz der Kultur“ auf „dieser Insel“, insbesondere die „unglaubliche Menge exzellenter Gemälde, Statuen und antiken Inschriften, die an diesem Hofe zu finden sind“.

Charles I. hat seine anerkannten Leistungen auf dem Gebiet der Kunstförderung vollbracht. Politisch gilt er als starrköpfiger Versager, der das Land geradewegs in den jahrelangen Bürgerkrieg manövrierte, dem er schließlich selbst zum Opfer fiel. Doch in der Ausstellung, die die Londoner Royal Academy jetzt zum Thema „Charles I. König und Sammler“ zeigt und damit einem neuerlichen Besucherrekord entgegengeht, findet sich eine einzige Grafik – sie zeigt eben jene Hinrichtung –, in der die politischen Unruhen Thema werden. Eine einzige Grafik inmitten von weit über einhundert Gemälden von durchweg höchstem künstlerischen Rang! Sie sind der einmalige Versuch, die Kunstschätze wieder zusammenzuführen, die Charles I. angesammelt hatte und die unmittelbar nach seiner Hinrichtung versteigert wurden. Bis der Sohn als König Charles II. per Dekret alles zurückzugeben befahl, was sich nunmehr bei privaten Eigentümern in seinem Königreich befand. Von daher erklärt sich, dass die bei Weitem wichtigste Leihgeberin der Ausstellung Her Majesty the Queen ist. Sie ist mit ihrem Haus Windsor die Erbin der damaligen Stuarts, die bald nach Charles II. Tod 1685 durch einen Parlamentsakt, der als „Glorious Revolution“ in die Geschichte einging, schlichtweg amtsenthoben wurden.

Kunst sollte Legitimität und Grandeur demonstrieren

So viel Geschichte, und so rein gar nichts in dieser Ausstellung, die aus kunsthistorischer Sichtweise jeden Superlativ verdient – was aber gerade bei ihrem Gegenstand eine ungenügende Perspektive ist. Charles I. sammelte schließlich nicht aus reiner Freude – das taten die Potentaten Europas allesamt nicht –, sondern um Legitimität und Grandeur seiner Herrschaft zu demonstrieren. Und er sammelte, wie die Ausstellung zeigt, in einer Breite, dass man daraus die europäische Kunstgeschichte mindestens von der Frührenaissance bis in Karls eigene Zeit ablesen kann. Eine Delikatesse ersten Ranges ist die Präsentation der neun großformatigen Bildtafeln von Andrea Mantegna, den „Triumphzug Cäsars“ darstellend und zwischen 1485 und 1506 am Hofe der Gonzaga entstanden.

Normalerweise befinden sich diese Bilder kaum zugänglich in einem der königlichen Schlösser. Das gilt für derart viele Werke der Ausstellung – auch für ein wunderbares, kaum bekanntes Porträt von der Hand Dürers –, dass in englischen Zeitungen bereits die Frage nach der „Nationalisierung“ dieser als Privatbesitz gehaltenen Schätze aufgeworfen und zugleich die Ignoranz in Kunstdingen gegeißelt wird, die die langlebige Königin Victoria kennzeichnet. Zwischen den Zeilen zu lesen: wohl auch die heutige Monarchin.

Auf Porträts blickt Charles I. niemals freundlich

Charles I. hatte das Glück, in dem Flamen und Rubens-Mitarbeiter Anthonis van Dyck einen erstklassigen Hofmaler verpflichten zu können, der genau die gewünschte Selbstdarstellung auf groß- bis größtformatige Leinwände zu bringen verstand. Die Reiterporträts des Königs, deren zwei bedeutendste hier erstmals überhaupt gemeinsam zu sehen sind, zeugen vom imperialen Anspruch des Königs, der schon als junger Prinz von einem Madrid-Besuch das Porträt Kaiser Karls V. von Tizian mitbrachte – das die spanischen Habsburger zurückerlangten und das nun als Leihgabe des Prado zu bewundern ist).

Überhaupt ließ sich der König zahllose Male portraitieren. In London fällt auf, dass er – mit der einzigen Ausnahme einer Jagdszene, heute im Louvre – niemals freundlich blickt, auch nicht übermäßig würdevoll, sondern eher von der Last seines Amtes bedrückt, ja ermüdet wirkt. Gleich im ersten der zehn Säle der Royal Academy ist Charles auf einem Gemälde drei Mal zu sehen – das fertigte van Dyck 1636 für den Bildhauer Bernini in Rom, der danach eine Büste des Königs schuf.

Der König kannte kein Tabu

Durch van Dyck erhielt die italienische Malerei den Vorrang in der königlichen Sammlung, wenngleich Charles in seinen Privatgemächern gerne die kleinen Formate der älteren nordischen Schulen, vor allem aus der Hand des ungemein produktiven Hans Holbein, betrachtete. Zum Vorzeigen aber dienten die Italiener, die bei den englischen Puritanern zunehmend im Verdacht der katholischen Indoktrinierung standen; auch das ein Aspekt, den die Ausstellung nur andeutet.

Was frivole Szenen anbelangt, kannte der König erst recht kein Tabu – wiewohl er persönlich, anders als später sein freizügiger Sohn, keine Mätressen und uneheliche Nachkommenschaft unterhielt. Dafür lassen es dann Werke wie Correggios „Venus mit Merkur und Cupido“ von 1525, Veroneses „Mars, Venus und Cupido“ von 1585 oder aber Orazio Gentileschis „Joseph und das Weib des Potiphar“ von 1632 und van Dycks „Cupido und Psyche“ von 1640 nicht an Deutlichkeit fehlen. Ob solche Gemälde im gerade heraufziehenden Bildersturm der Hypermoralisten noch gezeigt werden dürfen, diese Frage hat sich die Royal Academy Gott sei dank nicht gestellt.

Auch Charles II. sammelte Kunst

Im Anschluss an diese Blockbuster-Ausstellung empfiehlt sich der Besuch der Ausstellung zu Charles II. in der Queen's Gallery. Da die Großwerke, die der Sohn zurücksammelte, nun schon in der Royal Academy prangen, ist in der Ausstellung „Charles II. – Kunst und Macht“ alles etwas kleiner, intimer und zugleich durch die Einbeziehung der für die Hofhaltung neugeschaffenen Objekte, dazu durch Bücher und Manuskripte und Zeichnungen etwa von Leonardo abwechslungsreicher. Man sieht, wie ein König sich und seine standesgemäße Pracht neu ausstaffieren muss; die finanziellen Mittel waren in der aufstrebenden Handels- und Kolonialmacht ganz offenkundig vorhanden.

Auch der zweite Karl hatte beim Sammeln Glück, ihm wurden Geschenke gemacht wie die der Vereinigten Niederlande, die mal eben 24 Renaissance-Gemälde auf die Insel schickten; was den bald erneut aufbrechenden Krieg der seefahrenden Konkurrenten nicht verhinderte. Zum 300. Jubiläum des Westfälischen Friedens von 1648 kommt für Kontinentaleuropäer die Erkenntnis gerade recht, dass auch das vermeintlich so gradlinig entwickelte Großbritannien einen Sonderweg an höchst blutiger Geschichte gehen musste. Freilich nach außen hin, und das hatte schon Rubens so beeindruckt, überstrahlt vom Glanz fürstlicher Kunstanhäufung.

London: Royal Academy, bis 15. April, Katalog 28 Pfund. Mehr unter royalacademy.org.uk – Queen’s Gallery, bis 13. Mai, Katalog 29,95 Pfund. Mehr unter royalcollection.org.uk

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben