Ennio Morricones letztes Konzert in Berlin : Sekunden für die Ewigkeit

Eine Legende der Leinwand nimmt ihren Abschied: Ennio Morricones gibt sein letztes Konzert in Berlin vor 11 000 Menschen.

Ennio Morricone grüßt bei seiner "The Farewell Tour" in der Berliner Mercedes-Benz Arena nach dem Konzert das Publikum.
Ennio Morricone grüßt bei seiner "The Farewell Tour" in der Berliner Mercedes-Benz Arena nach dem Konzert das Publikum.Foto: Christoph Soeder/dpa

Leider kommt nur eine Halle infrage, wenn eine Legende der Leinwand ihren Abschied nimmt: die größte. Ennio Morricone bricht in seinem 91. Lebensjahr zu seiner letzten Tournee mit Orchester und Chor auf, im Sommer wird sie in Lucca ihr Ende finden. Die Berliner Benz-Arena ist die einzige Station ein Deutschland, das Riesenoval ist ausverkauft. 11 000 Menschen erwarten den schmalen Herren im schwarzen Rollkragenpullover, der sich Maestro nennen lässt, ganz wie es in der Zunft der Tonsetzer seit Jahrhunderten üblich ist. Nur hat es keiner von Morricones Vorgängern auf 500 Filmmusiken bringen können, von denen mehr als eine Hand voll sogar Millionen Menschen erreichten, bewegten.

Sentimental aber will Morricone, der Meister der spannungsgeladen Emotion, den Abend nicht werden lassen. Auch ein Best-of-Mix kommt für den Mann, der es sich als Verdienst anrechnet, den Massen zumindest Splitter moderner Musik untergejubelt zu haben, nicht infrage. Erst mal soll seine Musikerschar Fahrt aufnehmen, das Tschechische Nationale Symphonieorchester, die Chöre aus Rumänien und Ungarn. Für „Die Unbestechlichen“ verschärft Morricone die Unerbittlichkeit der verrinnenden Zeit. Ein Meisterwerk in 2 Minuten 15 Sekunden, dessen Komplexität sich live nur in Ansätzen offenbart.

Morricones Oratorium zu „The Mission“ ist das Finale

Großartig komponiert Morricone immer für das Instrument, das er selbst studiert hat, die Trompete. Ob als melancholisches Flügelhorn und drohendes Fanal, der Solist im Orchester ist viel zu sehen auf den Videoschirmen seitlich der Bühne. Sie zeigen nicht etwa Filmsequenzen, sie schweifen über das Orchester und ruhen immer wieder auf dem Dirigenten. Der sitzt am Pult wie in seinem Arbeitszimmer, den Blick tief in die Partituren gesenkt, die Seite für Seite sekundengenau durchgearbeitet werden.

Mit dem „Goldrausch“ aus „Zwei glorreiche Halunken“ taumelt man hinaus in die Pause, mit Tarantinos „Hateful 8“, für die Morricone endlich den Oscar gewann, beginnt donnernd die zweite Halbzeit. Sie entdeckt Frühes und Sozialkritisches, schwarzweiße Welten mit einer Musik, deren Herz in Anlehnung an Kurt Weill links schlägt. Dulce Pontes spendiert dazu ihre kehlige Flamenco-Stimme, in der „Schlacht um Algier“ stirbt die Menschlichkeit, während „Die Verdammten des Krieges“ keine Ruhe mehr finden. Natürlich erklingt Morricones Oratorium zu „The Mission“ als Finale, auch wenn die Akustik beim Höhepunkt nur mehr ächzt. „Cinema Paradiso“ glättet die Wellen, dann gehören mit „Abolicao“ die letzten Töne dem Ruf nach Freiheit. Wer kennt noch den Film? Morricone legt den Taktstock beiseite. Künftig will er frei von Bildern komponieren.

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