Wut und Trauer

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Erich Mühsam und seine Tagebücher : Verschwistert mit der Ewigkeit
Erich Mühsam als Häftling im KZ Oranienburg, Februar 1934.
Erich Mühsam als Häftling im KZ Oranienburg, Februar 1934.Foto: picture-alliance / AKG

Erich Mühsams „Haft-Tagebuch“ aus dem Jahr 1919

„Wie wird der Kampf enden, was wird aus meinem Werk, was aus mir, den meinen, meiner Arbeit, meiner Habe, aus der Zukunft werden?“ Das fragt sich Erich Mühsam im Frühjahr 1919. Die Revolution ist niedergeschlagen, er sitzt als „Hochverräter“ im bayrischen Zuchthaus Ebrach. Trauer und Wut bestimmen seine Gefühle in den Haftnotizen, die jetzt als neuer Band (April bis November 1919) der Tagebuch-Edition vorliegen. Er „blickt im Geiste um sich“ und sieht „lauter Tote, lauter Ermordete – es ist grauenhaft“. Immer neue Schreckensmeldungen dringen zu ihm durch: „Mit den Münchner Schandtaten“, also dem Militärputsch gegen die Räterepublik, habe der sozialdemokratische Reichswehrminister Noske „sogar seine Berliner Blutorgien übertroffen“, notiert Mühsam am 7. Mai. Er hat Glück, dass er „nur“ zu 15 Jahren (nach fünfeinhalb kam er frei) Festungshafthaft verurteilt und nicht ermordet wurde wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht oder seine Münchner Gefährten Gustav Landauer, Rudolf Egelhofer und Eugen Leviné.

Als vor drei Jahren die ersten Mühsam-Notizen aus den Jahren 1910/1911 erschienen, hieß es, der Anarchist komme hier „ganz ohne die Phrase der Agitation“ aus und die Beschreibung der Schwabinger Boheme sei wunderbar ironisch. Im Nachtleben schien die Gefahr eines Trippers größer als das politischer Auseinandersetzungen. „Mühsam macht Spaß“, hieß es, und der „Spiegel“ kündigte eine Sex-Enthüllung mit dem Titel „Der Anarchist und die Mädchen“ an. Doch spätestens seit den Kriegstagebüchern macht Mühsam keinen „Spaß“ mehr.

Für ihn steht fest: „Deutschlands Rüsterei, der unstillbare Ehrgeiz, die europäische Militärhegemonie zu sein, hat das Unglück verschuldet.“ Seine Distanzierung von den Bellizisten klingt nur noch moralisch empört. So ist die Versenkung des englischen Passagierdampfers „Lusitania“ im Mai 1915 für ihn „eine Übergreuelung der Greuel“. Mit U-Boot-Kriegsbegeisterten wie Ludwig Thoma oder Thomas Mann bricht er danach den Kontakt ab. Seine Wertschätzung für Heinrich Mann dagegen wächst; der sei „bedeutender und wertvoller als sein Bruder“.

Als eine Nebengeliebte die „Lusitania“-Opfer nicht bemitleidet, beendet er das Verhältnis und heiratet die politisch loyale Langzeitfreundin Kreszentia Elfinger (Zenzl). „Diese Frau hat mir der Himmel selbst geschickt“, notiert er im Zuchthaus. Zenzl schickt ihm Kassiber und informiert ihn auch über eine SPD-Veranstaltung mit Noske im Weimarer Nationaltheater. Dazu fällt ihm nur ein: „Armer Goethe!“ Mühsam hält sich lieber an „Dantons Tod“: „Welche Herrlichkeit und wieviel Parallelen zur Gegenwart.“ Vielleicht klingt darin schon eine Vorahnung seines eigenen Schicksals an. Willi Jasper

Erich Mühsam: Tagebücher. Band 6 (1919). Verbrecher Verlag, Berlin 2014. 462 Seiten, 28 €.

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