Erika Pluhar zum 80. : Eine öffentliche Frau

Multitalent und moralische Instanz: Die Wienerin Erika Pluhar wird 80 Jahre alt. Eine Gratulation.

Von der femme fatale zur Emanze. So beschreibt Erika Pluhar selbstironisch ihren Werdegang.
Von der femme fatale zur Emanze. So beschreibt Erika Pluhar selbstironisch ihren Werdegang.Foto: Hans Punz/APA/dpa

Sie ist eine von denen, die man respektvoll „die“ nennt. Erika Pluhar. Die Pluhar. In Österreich gilt die Schauspielerin, Sängerin, Schriftstellerin als allem rechten Gedankengut abholde moralische Instanz. Kulturministerin sollte sie einst werden, Bundespräsidentin gar. Damals, als in Wien noch die Sozis regierten. Darauf hat die Pluhar sich nie eingelassen. „Ich bin ein politisch denkender Mensch“, hat sie kürzlich in einer deutschen Talkshow gesagt. Das schließt für sie offensichtlich Amt wie Parteimitgliedschaft aus. Ihre in den letzten Jahren fast jährlich ein Buch zeitigende Erzählerinnenkarriere lässt ihr auch gar keine Zeit. Im vergangenen Jahr erst hat sie in der für sie als Mutter recht schonungslos ausfallenden Kindheitsgeschichte „Anna“ der verstorbenen Tochter ein Denkmal gesetzt. Und gerade ist bei Suhrkamp die Sammlung „Meine Lieder“ erschienen.

Kann gut sein, dass in Deutschland kein Teenager die Pluhar mehr kennt. Obwohl die am 28. Februar 1939 geborene Wienerin wie wenige Künstlerinnen ihrer Generation zum Rolemodel taugt. So klug, wie sie in ihrer Autobiografie „Die öffentliche Frau“ auf der Klaviatur der Medienaufmerksamkeit gespielt hat. So gelassen, wie sie ihren von Turbulenzen und Tragödien gezeichneten Lebensweg vom glücklich der Magersucht entwachsenen sexy Rauschgoldengel der siebziger Jahre bis zur weißhaarigen Chansonnière mit der Reibeisenstimme gegangen ist. Inklusive der skandalträchtig gescheiterten Ehen: mit dem später als Massenmörder verurteilten Gesellschaftsschreck Udo Proksch; und natürlich mit André Heller, der Erika Pluhar Mitte der Siebziger zum Singen inspiriert. Erst singt sie seine Lieder, später nur noch eigene Texte.

Sie reüssiert als Filmschauspielerin und Regisseurin

Als Claus Peymann das Burgtheater übernimmt und Erika Pluhar kaum mehr besetzt, haut sie 1999 nach 40 Jahren Ensemblemitgliedschaft in den Sack. Da ist sie 60 Jahre alt und spricht: „Ich wünsche diesem Theater das Beste. Lebt wohl.“ Als Filmschauspielerin, die 1968 in Helmut Käutners Maupassant-Verfilmung „Bel Ami“ ihren Durchbruch erlebt, arbeitet sie genauso weiter wie als Sängerin und Darstellerin an anderen Bühnen. Etwas anderes beginnen, das konnte die von ihrer zeitweiligen Verbündeten Alice Schwarzer zur „Rebellin“ erklärte Pluhar immer gut. In den 2000er Jahren entdeckt sie als Regisseurin erst den Dokumentar- und dann auch noch den Spielfilm für sich. „Der Spagat von der Femme fatale zur Emanze ist mir in einem Frauenleben gelungen“, hat sie vor ein paar Jahren mit ironischem Augenaufschlag in einer ARD-Doku resümiert. Nun wird sie 80. Daheim in Grinzing. Küss die Hand, gnä’ Frau.

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