Erinnerung an Hans Otto : Ein Mann mit Charme und Haltung

Er war einer der bekanntesten deutschen Schauspieler - bis er 1933 von den Nationalsozialisten zu Tode gefoltert wurde. Eine Erinnerung an Hans Otto.

Ralf Stabel
Hans Otto auf einer Porträtkarte von 1930. In diesem Jahr wurde er Mitglied im Staatstheater am Gendarmenmarkt.
Hans Otto auf einer Porträtkarte von 1930. In diesem Jahr wurde er Mitglied im Staatstheater am Gendarmenmarkt.Foto: ullstein bild

Wo ist Hans Otto geblieben? So wurde in Johann Kresniks Inszenierung „Gründgens“ am Deutschen Schauspielhaus Hamburg die berühmte und umstrittene Titelfigur anklagend befragt. Was ist mit Hans Otto geschehen?

Gustaf Gründgens kam 1932 ans Preußische Staatstheater in Berlin, seine erste Rolle war der Mephisto in Goethes „Faust“. 1934 wurde er dort Intendant und zum Staatsschauspieler ernannt. Er blieb es bis 1945. Nach dem Krieg setzte er seine außergewöhnliche Karriere als Schauspieler und Regisseur in Düsseldorf und Hamburg fort; er starb 1963. Hans Otto war in Berlin ein fast gleichaltriger Kollege. Nationalsozialisten haben ihn ermordet. Gustaf Gründgens – auch das gehört zu dieser schlimmen Geschichte – bezahlte die Beerdigung.

Am 24. November 1933 war Hans Otto an den Folgen mehrtägiger Folterungen gestorben. Zur Beerdigung auf dem Friedhof in Stahnsdorf erschien Gründgens, wie das gesamte Ensemble, allerdings nicht. Reichspropagandaminister Joseph Goebbels hatte dies untersagt.

Geboren wird Otto 1900 in Dresden

Heute muss man auch fragen: Wer war Hans Otto? Wer kennt seinen Namen? Hans Otto war bis zum Tag seiner Verhaftung am 14. November 1933 einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Schauspieler.

Geboren wird Otto am 10. August 1900 in Dresden. Als er elf Jahre alt ist, stirbt die Mutter. Er ist der älteste von fünf Brüdern, hat noch eine ältere Schwester. Nicht einmal 18 Jahre alt, kommt er für wenige Monate zum Militär. Anschließend fühlt er sich stark genug, dem übermächtigen Vater zu eröffnen, dass er nicht wie vorbestimmt Kaufmann, sondern Schauspieler werden möchte. Als der dies zurückweist, bricht der sensible junge Mann ohnmächtig zusammen. Doch er nimmt Unterricht und wird mit 21 Jahren von Adam Kuckhoff ans Frankfurter Künstler-Theater engagiert.

Dort lernt er die Schauspielerin Mie Paulun kennen, die zehn Jahre ältere Frau seines Chefs. Sie werden heiraten. Stationen seiner Laufbahn ab 1924 sind die Hamburger Kammerspiele unter Erich Ziegel, dann ein Engagement bei Walter Bruno Iltz am Reußischen Theater in Gera, anschließend wieder zurück nach Hamburg. Bereits 1929 wechselt er nach Berlin an das von Victor Barnowsky geführte Theater in der Stresemannstraße. Ein Jahr später wird er von Leopold Jessner ans Staatliche Schauspielhaus am Gendarmenmarkt verpflichtet.

Wie für die Bühne geschaffen

Ein Jungstar, würde man heute sagen. Seine Rollenfächer sind jugendlicher Liebhaber und Held. Er spielt den Romeo und den Prinzen von Homburg, den Orlando und den Egmont sowie den Posa, den Beaumarchais, den Clavigo, den Woyzeck und viele andere mehr. Er ist auch die Titelfigur in Bertolt Brechts „Leben Eduards II. von England“ und spielt in Friedrich Wolfs „Kolonne Hund“.

Sein Kollege Wolfgang Heinz wird sich später erinnern: „Hans Otto sah sehr gut aus, wie für die Bühne geschaffen. Er sah aus, wie ein jugendlicher Held aussehen muss.“

Die Kritiken der Anfangsjahre sprechen bei Otto von Leidenschaft und Jugend, aber auch von einem knabenhaften Darsteller, der mit dem Überschwang seiner Jugend spielt. Er überzeichnet offenbar gern. Die Rolle des Ruprecht in „Der zerbrochne Krug“ soll von ihm etwas übersteigert dargestellt worden sein. Den Leon in Franz Grillparzers „Weh dem, der lügt“ findet die Presse „zu krass ausgedrückt in Spiel und Bewegung“. Von „wild überschäumend“ bis „übersteigert“ ist die Rede. Doch schon bei seinem zweiten Hamburger Engagement scheint er sein Temperament in den Griff bekommen zu haben.

1927 tritt er in die KPD ein

Von „außerordentlicher dramatischer Intensität“ sei seine Interpretation in Ferdinand Bruckners „Die Verbrecher“ gewesen. Die Darstellung des Homosexuellen Ottfried scheint ihm so überzeugend gelungen zu sein, dass die Aufführung des Stückes tumultartige Szenen auslöst und er aus der Rolle tretend den aufgebrachten Zuschauerinnen und Zuschauern zuruft: „Beruhigen Sie sich doch, ich bin ja gar nicht so!“ Der Schauspieler Paul Bildt meinte, Otto habe Frauen und Männer gleichermaßen in seinen Bann gezogen.

Durch den Kollegen Gustav von Wangenheim wird er mit dem Marxismus und kommunistischen Ideen bekannt. Er tritt 1927 in die KPD ein, engagiert sich neben der eigenen Karriere für Arbeitertheater und in der Gewerkschaft der Bühnenangehörigen und wird 1931 deren Obmann in Berlin. In dem Ufa-Film „Das gestohlene Gesicht“ spielt er im Jahr zuvor die Hauptrolle des Bill Breithen, einen begabten Verwandlungskünstler, der sich in immer neuen Masken der Verhaftung entzieht. Hatte er die für ihn so erfolgreiche Rolle des jugendlichen Helden so verinnerlicht, dass er glaubte, sie auch im wahren Leben spielen zu können, spielen zu müssen?

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