• Erinnerungen an die Zeit vor Corona: Ein Jahr lang kein Theater! Was für eine Absurdität

Erinnerungen an die Zeit vor Corona : Ein Jahr lang kein Theater! Was für eine Absurdität

Wegen Corona wird Theater nur gestreamt. Ex-Intendant Tom Stromberg lässt hier den Zauber der Live-Performance aufleben - wenn auch nur in der Erinnerung.

Tom Stromberg
Es ist lange her. Angela Winkler als Dänenprinz in der Inszenierung von Peter Zadek, die 1999 Premiere hatte und in Berlin an der Schaubühne lief.
Es ist lange her. Angela Winkler als Dänenprinz in der Inszenierung von Peter Zadek, die 1999 Premiere hatte und in Berlin an der...Foto: AFP/Manoocher Deghati

Der Autor war Intendant am Theater am Turm in Frankfurt/Main und am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und leitet eine Agentur für Theaterkünstler.

Es ist ein Abend im Frühling 2020. Mein Geburtstagsabend, an dem ich mir eigentlich selbst ein Geschenk machen wollte. Ein Geschenk, das mich ruhen, ausruhen lassen, mich auftanken, neu sortieren sollte von dem überdimensional großen Input an Kulturveranstaltungen der letzten Monate, Jahre, Jahrzehnte.

Ein Jahr lang kein Theater! Was für eine Absurdität. Denn die Realität ist schneller. Ein Virus, das um die Welt geht, bewirkt, dass alle Theater geschlossen werden. So etwas nennt man wohl self-fulfilling prophecy. Also verbringe ich diesen Abend damit, mich ans Theater zu erinnern, an Kolleginnen und Kollegen, Schauspielerinnen, die eben das schaffen, was außerhalb der Bühne niemand schafft.

Die Welt steht still, wenn bestimmte Schauspieler auftreten. Wie zum Beispiel Volker Spengler. Doch dieser Bühnengott tritt in unserem Leben nicht mehr auf. Volker Spengler stirbt, kurz bevor der Lockdown die Welt erreicht. Und seine Trauerfeier ist die letzte Live-Show, die ich erlebt habe. Volker Spengler ist der Schauspieler, der bei meinem Vater 1960 an der Landesbühne Wilhelmshaven gespielt hat. Als Baby saß ich auf seinen Knien.

Und als Dramaturgieassistent durfte ich mit ihm „Clavigo“ erarbeiten. Volker führte Regie am Theater am Turm (TAT) in Frankfurt. Ich saß gebannt in den Proben, als er auch noch selbst den Carlos spielte. Ich erinnere mich an diesen Moment, indem ich mich auf einmal Fassbinder nahe fühlte.

Durch ihn, diesen Bühnenberserker, diesen unvergleichlichen Protagonisten von Fassbinders Arbeiten. Rainer Werner Fassbinder, mein Vorgänger am TAT, ist einer dieser Menschen, denen ich auf Umwegen sehr nahe gekommen bin, die ich aber nie persönlich kennengelernt habe. Eine Leerstelle?

Eine würdige und schöne Trauerfeier

In der Kapelle auf dem Friedhof Berlin-Wilmersdorf treffen sich viele alte Wegbegleiter um zehn Uhr morgens. Wer hat sich diese Uhrzeit ausgesucht? Alle sind verschlafen. Traute Hoess spricht über die letzten Monate dieser Lachgewalt Spengler, die in der Demenz verschwand. Und sie spielt uns die letzten Begegnungen vor. Zart und lebendig.

Dann spricht Wuttke; der Martin Wuttke, den ich in Frankfurt als schüchternen Jüngling mit vielen Haaren kennenlernte und der mich nervte mit seiner Unerbittlichkeit. Auf einmal steht er erwachsen, fast altklug am Mikrofon und beschreibt uns mit einer solchen Würde und Schönheit einen Volker Spengler, der ihm die Augen und den Humor für die Menschen eröffnete.

Im legendären „Diener“ am Savignyplatz versammelt sich im Anschluss die Trauergemeinde. Es ist jener Ort, an dem Volker jedes Mal, wenn ich in der Tür stand, durch das gesamte Lokal rief: „Na Tom, komm mal her! Deinen Vater, den kenn’ ich. Der war kein Intendant, sondern ein Viehhändler.“ Und viele Jahre später war ich doch selbst Intendant. Und auch ein Händler?

Extreme Körperlichkeit

Während ich mir im Stream „Hamlet“ von Johan Simons anschaue, was ich als erste ernstzunehmende Theaterarbeit im Internet aushalte, fallen mir die letzten Aufführungen ein, die ich im Theater gesehen habe. Live, vor dem offiziellen Shutdown. Florentina Holzingers „Tanz“, das Anti-Corona-Distanz-Programm. Nadeln unter der Haut der Schauspielerinnen, Blut, Entäußerung, Emphase und eine Diskussion übers Klima und Naturschutz. Ich durfte, damit die Vorstellung in den Sophiensälen weitergehen konnte, natürlich mit all meiner Geltungssucht, einen Baum in der Steiermark ersteigern.

Während der Vorstellung dieser Ausnahmekünstlerin hatte ich immer wieder Gedanken an meine erste Begegnung mit Reza Abdoh, einem iranisch-amerikanischen Regisseur, dessen Stück „Law of Remains“ ein Meilenstein der Theatergeschichte ist.

Die Körperlichkeit, das Extrem zu riskieren, erinnerten mich an ihn – und darauf spreche ich Florentin Holzinger nach der Vorstellung an. Ich erwähne Reza (ich alter Klugscheißer), kennt sie ihn? Muss sie ihn kennen? Und sie kennt ihn tatsächlich. Sie hat verwackelte VHS-Kassetten gesehen, der künstlerische Staffellauf funktioniert dann doch.

Selbst die Fernseh-Vorabendrealität ist anders

Ich gestehe jetzt etwas. Ich gucke Fernsehen. „Wer weiß denn sowas“. Eine Vorabend-Quizshow in der ARD. Ich teile diese Leidenschaft mit befreundeten Dramaturginnen und Kindern. Vielleicht wieder einfach das Dramaturgen-Klugscheißer-Gen.

Die Sendung läuft jeden Abend um 18 Uhr. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich um diese Zeit nicht erreichbar bin. Das Tragische während des Corona-Retreats allerdings ist: Die Sendung läuft nicht mehr. Es fehlen die Zuschauer, die jedes Mal live im Publikum sitzen und in die Show einbezogen werden.

Selbst also für die Fernseh-Vorabendrealität braucht es den Austausch mit Zuschauern. Live lachen, wenn die Gags kommen. Und ich lache! Ich war tatsächlich live im Studio, kurz vor dem Shutdown. Eingeladen, als Weihnachtsgeschenk.

Die Gäste neben den Gastgebern Kai Pflaume, Elton und Bernhard Hoëcker, waren Matze Knop und Bülent Ceylan. Und die lieferten ab wie Rosenkranz und Güldenstern, eben Entertainment-Profis. Und ich lache laut, wie lange im Theater nicht mehr.

Sollen wir bald wieder Theater machen?

Aber jetzt, an Abenden der Isolation, an denen es um 18 Uhr still ist im Fernsehzimmer, spiele ich mit meiner selbstgewählten Corona-WG, also meiner Freundin und unseren Freunden, den Dramaturgen Kristina Ohmen und Steffen Sünkel, „Wer weiß denn sowas“ am Küchentisch.

Der achtjährige Sohn Oskar gibt den Moderator, da kann Kai Pflaume fast einpacken. Und Oskar hat einen entscheidenden Vorteil: Er ist live!

„Hamlet“ digital – Sandra Hüller, du überwindest meine Streaming-Scheu! Aber Angela Winkler, du warst auch Hamlet bei Zadek, mit dir gab es keine Theater-Quarantäne. Und Joachim Meyerhoff war Hamlet in Zürich, und sein Thomas-Melle-Monolog … Ihr wärt jetzt so eine Wohltat! Sollen wir eigentlich bald wieder Theater machen und gucken? Ja, aber viel besser! Besser als was ? Ach, was weiß denn ich.

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