• Eröffnung der Leipziger Buchmesse: Was ein Buch über Russland mit der Lage der EU zu tun hat

Eröffnung der Leipziger Buchmesse : Was ein Buch über Russland mit der Lage der EU zu tun hat

Bei der Eröffnung der Leipziger Buchmesse wird die EU beschworen - und der verliehene Preis zur Europäischen Verständigung scheint immer wichtiger zu werden.

Bis zum Sonntag präsentieren sich 2600 Aussteller. Gastland ist Tschechien.
Bis zum Sonntag präsentieren sich 2600 Aussteller. Gastland ist Tschechien.Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Das vereinigte Europa steht gerade ziemlich weit unten in den Charts bei Bürgern und Regierungen der jeweiligen europäischen Länder  - bei den westeuropäischen, wie man nicht erst seit dem Brexit-Votum der Briten weiß, und auch bei den osteuropäischen, die doch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zunächst so sehr nach Europa strebten und inzwischen mehr und mehr auf nationale Abschottung setzen.

Insofern hat es an diesem Eröffnungsabend der Leipziger Buchmesse schon fast ein bisschen was Beschwörendes, dass fast alle Redner und Rednerinnen den europäischen Gedanken betonen, dass es hinter ein freies und vereinigtes Europa einfach kein Zurück mehr geben könne. Sei es Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der es zwar gut findet, dass man sich streite, „aber respektvoll“. Sei es Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die auf die Bedeutung der EU-Urheberrechtsreform hinweist.

Oder sei es der Vorsteher des Deutschen Börsenvereins Heinrich Riethmüller, der im Hinblick auf die Europawahl in zwei Monaten kämpferisch sagte: „Wir alle sind aufgefordert, für ein solidarisches Europa und die Werte, die es verkörpert, einzutreten. Lassen Sie uns das Feld nicht denen über- lassen, die Freiheiten einschränken oder abschaffen wollen, die sich abschotten und Grenzen oder Zäune aufziehen möchten. Wir dürfen die Errungenschaften des vereinten Europas nicht leichtfertig aufs Spiel setzen“.

Ausgezeichnet wurde die amerikanisch-russische Publizistin Gessen

Umso verdienstvoller ist der traditionell zur Eröffnung im Gewandhaus der sächsischen Metropole verliehene und mit 20.000 Euro dotierte Leipziger Preis zur Europäischen Verständigung, umso wichtiger scheint er zu werden. Seit 1994 geht er an Autoren und Autorinnen, die sich um eben jene Verständigung unter den Nationen Europas, insbesondere Osteuropas verdient gemacht haben. Im Fall der in diesem Jahr mit dem Preis ausgezeichneten amerikanisch-russischen Publizistin Masha Gessen mag sich das auf den ersten Blick nicht sofort erschließen, bekommt sie den Preis doch primär für ihr 2017 in den USA und 2018 dann auch in Deutschland erschienenes Buch „Die Zukunft ist Geschichte. Wie Russland die Freiheit gewann und verlor“.

Darin porträtiert Gessen vier junge Russen, darunter die Tochter des früheren Reformers und vor vier Jahren ermordeten Putin-Gegners Reformers Boris Nemzow und ein schwuler Dozent, der aus seinem Job an der Universität Perm gedrängt wird. Sie alle wurden Anfang bis Mitte der 80er Jahre geboren und erlebten das Ende der Sowjetunion noch mit, nicht zuletzt durch die Erfahrungen ihrer Eltern, und wuchsen dann in dem womöglich umstrittensten, bewegtesten Jahrzehnt der jüngeren russischen Geschichte, den neunziger Jahren. Volljährig-erwachsen werden sie schließlich in einer postsowjetischen Gesellschaft, „die sich wieder verschließt“, wie Gessen schreibt. Zu diesen vier Porträts gesellen sich die Geschichten von drei weiteren Figuren, keine normalen Menschen, so Gessen, sondern solche, „die versuchen zu verstehen“, ein Soziologe, eine Psychoanalytikerin und ein Philosoph.

Publizist und Historiker Koenen verdeutlicht Zusammenhänge

Das klingt erstmal sehr entfernt nach Europa, mehr nach einem Verstehen Russlands und seiner Entwicklung in den vergangenen 30 Jahren. Doch macht der Publizist und Historiker Gerd Koenen, selbst ein ausgewiesener Kenner Russlands mit Büchern wie „Der Russland-Komplex“ und „Die Farbe Rot“ über die Ursprünge des Kommunismus, gleich zu Beginn seiner Laudatio deutlich, wie wichtig Gessens Buch ist für das Verständnis Europas, Osteuropas, für die Verständigung zwischen Ost und West. Eben weil es erzähle, „in welch fatalen Zirkel seiner Geschichte unser fernes östliches Nachbarland sich nach wie vor bewegt“, nicht zuletzt da auch viele andere Länder in den östlichen Bereichen der EU, jene in denen der Nationalismus neue, autoritäre Blüten treibt, „von Neuem aus dem Osten das Heil erhoffen“.

Die amerikanisch-russischen Publizistin Masha Gessen wurde ausgezeichnet.
Die amerikanisch-russischen Publizistin Masha Gessen wurde ausgezeichnet.Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Koenen porträtiert Gessen ausführlich, von ihrer zweimaligen russischen Emigration an, 1981 und 2013, streift kurz ihr Putin-Buch und widmet sich dann der Exegese von „Die Zukunft ist Geschichte“, mündend in den analysierenden Schlussworten: „Mascha Gessens Buch hilft uns besser zu verstehen, warum dieses Land mit seiner großartigen Kunst und Kultur, seinen ungeheuer begabten Menschen, seinen unerschöpflichen Ressourcen und unerschlossenen Räumen erneut in jenen fatalen Zirkel autokratischer Herrschaft und imperialer Überspannung einzuschwenken beginnt, der es schon in zaristischen und sowjetischen Zeiten von Europa fortgetrieben hat, so wie heute wieder zu seinem wie zu unser aller Unglück.“

Die Preisträgerin spricht vom Erbe des Totalitarismus

Masha Gessen erklärt dann in ihrer kurzen, klugen Dankesrede noch einmal, was sie in ihrem Buch breit darlegt: Warum es nicht geklappt hat mit den demokratischen Bestrebungen in Russland, warum das Sowjetregime überdauert hat, das 70-jährige „totalitäre sowjetische Experiment“, wie sie es nennt. Sie spricht über die Unfähigkeit der Russen, „Geschichten zu erzählen“, und zwar innerhalb jeder einzelnen Familie, nämlich weil die Geisteswissenschaften des Landes seit Lenin systematisch zerstört worden seien. Durch ihre Abwesenheit seien den Russen, den sowjetischen wie postsowjetischen Bürgern „die Instrumente zum Verständnis ihrer Gegenwart“ abhanden gekommen: „Sie wurden auch daran gehindert, auf ihre Geschichte zurückzugreifen.

In den Familien wurden Geschichten in den Untergrund gedrängt. Um deine Kinder zu schützen, hast du ihnen nicht erzählt, dass ein Verwandter verhaftet oder hingerichtet wurde. Dies wurde zu einer tief verwurzelten Gewohnheit. Familiengeschichten wurden ganz selbstverständlich  weggelassen.“ Die Folge, so Gessen, sei, „dass die Geschichte, genauer gesagt: das Erbe des Totalitarismus, das bestimmt, was heute in Russland geschieht. Ich meine auch, dass eine Geschichte, die nicht erzählt werden kann, sich weigert einer Zukunft Platz zu machen.“

Es klingt nicht sehr hoffnungsfroh, was Gessen in ihrem Buch und auch an diesem Abend in Leipzig erzählt, sie schließt mit der Frage, die sie als Auftrag versteht, ob es möglich sei, Geschichten über die Zukunft zu erzählen, und zwar so, „dass die Zukunft die Zukunft und nicht Geschichte ist?“ In Putins Russland, das sich primär auf die Geschichte und aus dieser Geschichte sich herleitenden Vormachtstellung  beruft, scheint das kaum möglich zu sein.

Auch in Tschechien steht die EU nicht mehr hoch im Kurs

Nur gut, dass vor Gessen schon der Kulturminister des Gastlands dieser Messe, Tschechien, in seiner auf tschechisch gehaltenen Rede etwas optimistischer das Zusammenspiel von Vergangenheit und Zukunft, von Erinnerung und Vergessen würdigt. So sagt Antonín Stanek. Stanek unter anderem, dass Literatur „das Ringen um das geschichtliche Nicht-Vergessen“ darstelle, sie sei „ein Zeugnis von Mut und Resistenz gegenüber Bestrebungen, halbe und widersprüchliche Wahrheiten des Lebens in eine allumfassende Nicht-Wahrheit zu überführen“.

Auch in seinem Land steht die EU nicht mehr hoch im Kurs. Und so wirken die sowieso kraftvollen musikalischen Einsätze des Gewandhausorchesters Leipzig unter der Leitung Jakub Hruša, darunter Smetanas „Die Moldau“ und Dvoráks „Slawischer Tanz C-Dur op.46/1“, noch einmal eine Spur dringlicher. Dass die große Gewandhaus-Orgel immer mal wieder in Tschechiens Nationalfarben rot, weiß und blau angestrahlt wird und leuchtet, hat natürlich mit dem Respekt vor dem Gastland zu tun, ist eine schöne Form der Begrüßung - doch bei soviel Europabeschwörung wie an diesem Abend zeigt sich darin auch eine bittere Ironie.

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