Erste Biennale in Riga : Es riecht nach Wandel

Wiederauferstehung und Versöhnung: Die erste Riga-Biennale zeugt von einem gewaltigen Aufbruchsgeist im Baltikum – auch jenseits der Kunst.

Werner Bloch
Riga
Maarten Vanden Eyndes Installation "Pinpointing Progress" (2018) im Hafen von Riga.Foto: Andrejs Strokins

Der Blick ist großartig auf die hellblaue Ostsee, sanfte Jazzmusik weht von der Terrasse herüber. Die Villa am Meer, in der heute gefeiert wird, war einmal der Lieblingsort Leonid Breschnews, des langjährigen sowjetischen Staatschefs, aber auch Richard Nixon, Mitterrand und viele andere waren mal hier. Heute drängt sich im Garten der Villa die Kunstwelt. Die erste Riga-Biennale feiert ihre Eröffnung, laut und enthusiastisch, es ist die erste Ausgabe überhaupt.

Die Biennale soll ein Statement sein in einer politisch verminten Region, in der jedermann die Spannungen spürt zwischen dem Nato-Staat Lettland und seinem mächtigen Nachbarn Russland. Viele Letten fürchten einen russischen Überfall, die Rückkehr der Besatzung. „Neulich ist das Internet mehrere Stunden ausgefallen“, erzählt eine junge Mitarbeiterin der Biennale, „da habe ich schon gedacht, jetzt geht es los.“

Wir sind in Jurmala, einem Vorort von Riga und einem der Standorte der Biennale, einem prachtvoll gelegenen Seebad mit geschnitzten Holzhäusern. Luxusdatschen, viele gehören russischen Oligarchen. Und damit sind wir mittendrin im Problem. Denn ein Geschäftsmann aus St. Petersburg hat die Riga-Biennale ins Leben gerufen und ganz allein finanziert. Das sorgt bei den Letten für Misstrauen. Sie fragen sich: Warum gibt ein Russe mehrere Millionen Euro aus? Und welche Rolle spielt dabei die Kunst?

Riga ist der ideale Ort für eine Biennale

Agniya Mirgorodskaya, die junge Tochter des spendablen Oligarchen, gibt zu, dass in Lettland viele Gerüchte kursieren. „Manche behaupten ja, Russland wolle mit der Biennale Einfluss auf das Baltikum nehmen. Aber das sind absurde Stereotype. Solche Vorurteile wollen wir ja gerade aufbrechen.“

Sie steht in ihrem blauen Kleid vor einem Kunstwerk. Dutzende holzgeschnitzter Nachbildungen von KGB-Filialen in der Region, vogelkäfiggroß, fast wie Spielzeug aussehend. Nebenan läuft ein Video des auf Rügen geborenen Künstlers Sven Johne. „Dear Vladimir Putin“. Der fiktive Monolog eines alten Mannes, der eine Rede halten soll und den russischen Staatspräsidenten mehr oder weniger ironisch dazu aufruft, die Welt vor dem bösen Kapitalismus zu retten.

Kein Zweifel, Riga ist der ideale Ort für eine Biennale, ein uralter Handelsplatz zwischen Ost und West. Mehr als ein Kunstspektakel soll das sein: eine dauerhafte Institution. Geleitet wird sie von einer der besten Kuratorinnen, die man derzeit in der Kunstwelt finden kann. Katerina Gregos ist für ihre intelligenten und politisch aufgeladenen Ausstellungen bekannt. Die gebürtige Griechin ist inzwischen auch als Leiterin der nächsten Documenta im Gespräch.

Eine erstaunlich weitflächige, quirlige Ausstellung

Katerina Gregos hat durchgesetzt, dass jeder Künstler in Riga ein Honorar bekommt, was bei den meisten Biennalen nicht üblich ist. Die Kuratorin geht gleich in die Offensive. „Wenn man die Riga-Biennale wegen ihrer Finanzierung angreift, dann muss man auch fragen: Wie sieht es eigentlich mit den amerikanischen Oligarchen aus, die hinter den meisten amerikanischen Museen stehen und die keine weiße Weste haben? Ich habe wirklich Probleme damit, dass immer mit zweierlei Maß gemessen wird.“

Es ist eine erstaunlich weitflächige, quirlige Ausstellung geworden, mit über hundert Künstlern aus der ganzen Welt, darunter vielen Balten. Bespielt wird die Stadt an acht Orten, vom hippen Kunstzentrum Sporta2 bis zum Industriehafen, wo Videos auf einem Schiff gezeigt werden, vom modernistischen Bahnhof in Jurmala mit seinen goldenen und violetten Fassaden bis zur stillgelegten Textilfabrik Bolshevichka, die jetzt als Atelier dient. Daneben, zwischen Schutt und Gesteinsbrocken, eine wilde, improvisierte Bar, die an Berlins gloriose Zeit nach dem Mauerfall erinnert.

Das Thema heißt: Wandel. Nach dem Motto: Gestern schien alles für die Ewigkeit, heute ist plötzlich alles weg. So der Titel eines Buches von Alexej Jurtschak über den überraschenden Fall der Sowjetunion. Bei der Biennale geht es allerdings nicht darum, vergangenen Utopien nachzutrauern, sondern tapfer in die Zukunft zu blicken.

Die Welt riecht fieser, als man denkt

„Wandel kann in kleinen Tröpfchen erfolgen, die man kaum merkt“, sagt Katerina Gregos ihrer Eröffnungsrede, „aber auch in großen Explosionen. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um, bevor der Wandel uns überrollt?“ Es geht um Ökologie. Selbstzweifel, Neuorientierung, Verstörung, manchmal witzig inszeniert. Mitten in der Insektensammlung der alten Botanischen Fakultät taucht plötzlich ein Foto auf. Es zeigt langkapuzige Mitglieder des Ku-Klux-Klans. Zwischen all den aufgepieksten Exponaten ist der Unterschied von Mensch und Hirschkäfer kaum noch erkennbar.

Wie riecht Wandel? Welchen Geruch hat die Ostsee? Die Chemikerin und Geruchskünstlerin Sissel Tolaas geht seit 25 Jahren den nicht immer appetitlichen Phänomenen der Weltmeere nach, entnimmt Proben, analysiert Gerüche und setzt diese in ihrem Labor in Berlin-Wilmersdorf wieder zusammen. Die Welt riecht fieser, als man denkt, das beweist der Atlas mit Proben, in die man seine Nase lieber nicht zu tief hineinstecken sollte.

Der belgische Künstler Erik Kessels hat mit einer Fotoinstallation die Menschenkette wiederbelebt, die die Geschichte des Baltikums am 23. August 1989 schlagartig veränderte. Zwei Millionen Menschen hielten sich quer durch Estland, Litauen, und Lettland an den Händen, 673 Kilometer lang. Es war ein Erlebnis, das den Balten neues Selbstbewusstsein gab. Und das Ende der sowjetischen Besatzung vorbereitete.

Heute steht eine Menschenmenge vor der russischen Botschaft, schweigend und mit rot-weiß-roten Flaggen, und protestiert gegen die Fußball-WM in Russland und für die Freilassung des Regisseurs Oleg Sentsov. Man kann während der Biennale auch Touren an die Orte des Unabhängigkeitskampfes buchen, angefangen mit dem Freiheitsdenkmal. Kein Tourismus ist das, sondern Kunst, geführt von lettischen Künstlern.

Oder man besichtigt das „Museum der Besatzung“, das in der ehemaligen US-Botschaft residiert. „Mein Großvater hat mir immer erzählt“, berichtet der Guide, „dass in seinem Schulzimmer drei Porträts hingen: erst das von Stalin, dann das von Hitler, und dann wieder von Stalin.“

Kann Kunst etwas bewirken?

Man kann auch auf den inneren Wandel schauen. Die aus Zwickau stammende Künstlerin Henrike Naumann hat die Wohnungseinrichtung der Letten analysiert und zeigt, wie sich Möbel und Environments nach der Unabhängigkeit verändert haben. Der sozialistische Mief wurde entsorgt, doch das ästhetische Vakuum wollten viele mithilfe des Westens füllen – vor allem mithilfe von McDonald’s. Die Letten pilgerten schon früh in die Filialen und sahen darin imitationswürdige Ikonen des westlichen Lebensstils. Mit manchmal grotesken Auswirkungen auf das eigene Sofa.

Kann Kunst etwas bewirken? Nun ja, sie kann immerhin versuchen, ein wenig zu entgiften, die Realität zu entkrampfen. Angesichts der Spannungen zwischen Letten und Russen empfiehlt die Schweizerin Sascha Huber ein gemeinsames Saunabad mit heilenden Kräutern, wie es in der Tradition Lettlands steht. Die Künstlerin hat dazu ein Buch herausgegeben und lässt während der Biennale Blumen flechten. Maximale Entschleunigung.

Und dann der Höhepunkt: das Bernsteinzimmer. Seit 1945 ist es verschwunden, eines der großen Rätsel vom Ende des Zweiten Weltkriegs, seine Spur verlor sich in Riga. Nun ist es plötzlich bei der Biennale aufgetaucht – im Bahnhof von Jurmala. Der Berliner Viron Erol Wert hat das Bernsteinzimmer allerdings ein bisschen uminterpretiert: Es ist jetzt ein Club, mit Spiegeln und bernsteinfarbener Decke, mit Ecken zum Chillen und bernsteinfarbenem Teppichboden: ein Ort zum Tanzen und Meditieren. Der Künstler gehört seit Langem zur Berliner Clubszene, er war Türsteher im Berghain. Das Berghain hat er jetzt in Bernstein verwandelt. Kunst als Wiederauferstehung und Versöhnung. Nicht schlecht für einen so fulminanten Auftakt.

Bis 28.10., mehr Infos unter: www.rigabiennial.com

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!