Erstes Abonnementkonzert an der Staatsoper : Boshaft ist der Karneval

Daniel Barenboim spielt mit der Staatskapelle Berlin Edward Elgar und Richard Strauss. Das Konzert dient nach dem Terror von Halle auch als symbolischer Akt.

Eleonore Büning
Barenboim dirigierte während des Konzerts auswendig.
Barenboim dirigierte während des Konzerts auswendig.Foto: AFP/Odd Andersen

Minderheitsvoten gibt es in jeder Jury. Aber es gibt kein antifaschistisches F-Dur. Auch der Aufbau eines d-moll-Akkords ist nichts, was sich in aller Ruhe demokratisch ausdiskutieren ließe. Trotzdem spielt die Musik stets auf dem Boden der Wirklichkeit, haben auch Musiker das Recht und zuweilen die Pflicht, ihre Meinung zu sagen.

Vor Beginn des ersten Abonnementskonzertes der Saison tritt Orchestervorständin Susanne Schergaut an die Rampe und verliest, bezugnehmend auf die Morde in Halle, eine Betroffenheitserklärung der Staatskapelle Berlin, die in ein Bekenntnis zum Grundgesetz einmündet, Artikel 1 bis 4. Schlimm genug, dass das Selbstverständliche wieder laut gesagt werden muss.

Rasch und beiläufig steigt die Kapelle dann in die d-Moll-Eröffnungstakte von „Rach 3“ ein, die so fließend tönen, als sei man schon mittendrin im Stück. Auch das von Sergej Rachmaninow für sein drittes Klavierkonzert erfundene Herzensthema glaubt jeder, der es erstmals hört, lange schon zu kennen, aus alten Märchen.

Lahav Shani serviert es ohne Geheimnis. Er ist ein guter Pianist, dem Rekordklavierpart dieses Monsterkonzertes absolut gewachsen, und doch wirkt sein Spiel, durch alle drei Sätze hindurch, enttäuschend unbrillant.

Merkwürdig, dass Shani, als junger Dirigent hoch gehandelt, ja, ein Shootingstar, der auch mit der Staatskapelle schon etliche Erfolge hat feiern können, so gut wie gar nicht mit seinen Partnern kommuniziert, sobald er selbst am Flügel sitzt. Er gibt quasi das Heft ab ans Akkompagnement. Überlässt das Gestalten allein der Staatskapelle unter Daniel Barenboim, und der zieht schon ab Takt 29 sofort das Tempo an, agogisch weit ausholend, riskiert Swing und Farbe, Schmelz und Schnulz. Die wahre Virtuosität zieht dann aber erst nach der Pause ein ins Konzert. Und vertreibt alle Zweifel.

Die Staatskapelle glüht und sprüht

Zwei Musikdichtungen stehen auf dem Programm, die miteinander, aber auch mit dem Lindenopernspielplan korrespondieren. Beide sind von karnevalesker Boshaftigkeit, beide klangsaftig und zugleich filigran instrumentiert, beide gestenreich, ironisch, malerisch, unbändig, tumultuös, das reinste Symphonieorchester-Sonntagsfutter – und eine davon ist eine Entdeckung. Nur die allerbesten Solisten in allen Stimmgruppen sind gerade gut genug für den „Till Eulenspiegel“ op.28 von Richard Strauss. Aber wer kennt schon den „Falstaff“ op.68 von Edward Elgar?

Barenboim dirigiert auswendig, die Staatskapelle glüht und sprüht. Köstliche Bläsersoli, schnatterndes, tänzerisches Blech, freche Portamenti der Streicher inklusive tieferer Bedeutung. Das Stück hört nämlich nicht auf, es reißt ab. Elgars „Falstaff“ ist keine Witzfigur: Diese „Symphonische Studie“ in c-Moll entstand kurz vor dem Ersten Weltkrieg, es handelt sich um eine pessimistische Parabel, ein Porträt des nihilistisch-tragischen Verlierers aus Shakespeares Lancaster-Tetralogie „King Henri IV“.

Das letzte Wort ist mit dem letzten Ton noch lange nicht gesprochen. Ähnlich wie beim Till, dem ausgerechnet die Flöte am Ende die Luft abschnürt, gilt: Hinrichtung missglückt, Delinquent lebt.

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