Kultur : Erzähl mir von Macondo

Zum 80. Geburtstag des magischen Realisten Gabriel García Márquez

David Wagner

Vielleicht wird er heute gar nicht achtzig Jahre alt. Vielleicht ist Gabriel García Márquez, genannt „Gabo“, in Wahrheit noch ein Jahr jünger. Lange galt 1928 als sein Geburtsjahr, dann aber hat er in seiner fulminanten Autobiografie „Leben, um davon zu erzählen“ (2002) das Jahr 1927 genannt.Und er wird es ja wohl wissen. So passt 2007 alles zusammen. Es ist das große Gabo-Jubiläumsjahr. Denn der Mann mit dem goldenen Füllfederhalter feiert heute nicht nur Geburtstag.

Dieses Jahr feiern seine Leser auch den 40. Jahrestag des Erscheinens von „Hundert Jahre Einsamkeit“, seines berühmtesten Romans. Zum 25. Mal jährt sich der Tag, an dem ihm dafür der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde. Und genau 60 Jahre sind vergangen, seit García Márquez seine erste Erzählung veröffentlichte. Und nun noch ein runder Geburtstag: Hat er vielleicht doch nachgeholfen? Und wenn schon. Wer Geschichten erzählen kann wie García Márquez, der darf auch sein Leben umschreiben. Er lebt ja, um davon zu erzählen.

Alles begann in Aracataca, einem kleinen Dorf nahe der kolumbianischen Karibikküste, in dem die Geburtsregister früher wohl nicht so genau geführt wurden. Eine der autobiografischen Geschichten rankt sich um seine Nabelschnur, die ihn bei der Geburt beinah erwürgt hätte. Nur weil er, schon blau angelaufen, gleich mit Rum eingerieben wurde (ach die Karibik, seufzt der Europäer), habe er überlebt.

Als ältestes von elf Kindern wuchs er, der sich später gern als Zaubermeister bezeichnete, bei einer erzählfreudigen Großmutter und dem Großvater, einem Oberst, auf. In einer Welt, die später zum mythischen, magisch-realistischen Macondo in „Hundert Jahre Einsamkeit“ wird. Es dauert jedoch, bis García Márquez diese Geschichte aufschreiben kann und aus seinem Großvater der Oberst wird, der im berühmten ersten Satz des Romans auftaucht: „Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater ihn mitnahm, um das Eis kennenzulernen.“

García Márquez beginnt ein Jurastudium und arbeitet bald als Journalist, schreibt Reportagen und Filmkritiken und berichtet während der fünfziger Jahre für eine kolumbianische Nachrichtenagentur aus Genf, Paris und Rom. Seine Mutter nötigt ihn 1950, den zu Verkauf stehenden Familiensitz noch einmal zu besuchen, es beginnt in ihm zu arbeiten. Die Idee zu seiner zyklischen Familiensaga, die Inspiration, wie er das wichtigste und einflussreichste Buch Lateinamerikas schreiben könnte, sei ihm, so hat er später erzählt, im Auto auf der alten Straße von Mexiko-Stadt nach Acapulco gekommen.

Wer Bücher schreibt wie García Márquez, wer neben „Hundert Jahre Einsamkeit“ auch die Novelle „Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt“ zu seinen bleibenden Leistungen zählen kann oder den Roman „Der Herbst des Patriarchen“, der darf vielleicht auch mit Fidel Castro befreundet sein. Er und Gabo kennen sich seit den frühen Tagen der kubanischen Revolution. „Castroenteritis“ nannte ein Kritiker García Márquez’ Treue zu Castro, dessen Politik, wie repressiv auch immer, er nie verurteilt hat. Im Gegenteil. Hin und wieder hat er sich verpflichtet gefühlt, leicht peinliche Gruß- und Ergebenheitsadressen zu verfassen.

Auch umgekehrt ist Fidel Castro dem Schriftsteller ein guter Freund: Er schickte dem Nobelpreisträger – er kannte die Anekdote mit der Nabelschnur da wohl schon – 1500 Flaschen kubanischen Rum nach Stockholm und schenkte ihm ein Haus in Havana. Das klingt romanhaft, eben wie ein Leben, das gelebt wird, um es zu erzählen. Möge Gabriel García Márquez noch viel zu erzählen haben.

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