Erzählungen von Richard Russo : Tägliche Dosen an Desillusion

Gnadenloser Realismus: Richard Russo erzählt in „Immergleiche Wege“ Geschichten aus der zerbröselnden oberen weißen Mittelschicht der USA.

Richard Russo, geboren 1949 in Johnstown, New York.
Richard Russo, geboren 1949 in Johnstown, New York.Foto: Elena Seibert

In Romanen wie „Diese gottverdammten Träume“, 2002 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, aber erst 2016 auf Deutsch erschienen, oder „Ein Mann der Tat" hat sich Richard Russo als ein so ironischer wie menschenfreundlicher Beobachter amerikanischen Kleinstadtlebens gezeigt. Es sind meist die im Grunde Gesichtslosen, Unbeachteten, vermeintlich Uninteressanten, denen Russo Statur verleiht. Nicht die urbanen Existenzen, sondern die mit ihren aufgegebenen Träumen, ihren täglichen Dosen an Desillusion, ihren Ehe- und Alltagsdefiziten.

Sein neues Buch versammelt vier Erzählungen, die durch die Disposition ihrer Protagonisten miteinander verbunden sind. Sie alle befinden sich im mittleren oder fortgeschrittenen Alter, stammen aus der zerbröselnden oberen weißen Mittelschicht, und ihnen ist bewusst, dass ihre Existenzen eine zunehmend größere Lücke bekommen. Die beste Geschichte, „Eingriffe“, verbindet elegant die persönliche Situation eines Paares mit den politisch-sozialen Erschütterungen in den USA seit den 2010er Jahren. Ray und Paula, ein Immobilienmakler und eine Galeristin. Er leidet unter den Nachwehen der großen Krise; sie sucht einen Geldgeber. Die Stimmung ist angespannt. In einer Mischung aus Ironie und Ernsthaftigkeit erzählt Russo von einem um sich greifenden Eskapismus, der alle Bereiche des öffentlichen Lebens zu betreffen scheint. Überdies hat Ray noch einen Tumor. Doch anders als sein Vater Jahrzehnte zuvor will Ray seinen Körper der Krankheit nicht kampflos überlassen.

Es gehört zu den freundlichen Eigenschaften von Russo, dass er seine Figuren niemals in die totale Hoffnungslosigkeit entlässt. Er schaut sie sich an, diese unspektakulären Menschen mit ihren Nöten, und pflegt dabei einen gnadenlosen Realismus. Richard Russo findet treffsicher die Schmerzpunkte seiner Figuren. Er schont sie nicht, aber schenkt ihnen auch ein Leuchten.

Richard Russo: Immergleiche Wege. Erzählungen. Aus dem amerikanischen Englisch von Monika Köpfer. DuMont Buchverlag, Köln 2018. 320 Seiten, 23 €.

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