Kultur : Es gibt kein Stildiktat

Berlin hat eine Senatsbaudirektorin: Regula Lüscher über Heimatgefühle und die Seele der Stadt

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Sie sind seit wenigen Tagen in der Stadt, welchen Eindruck haben sie von Berlin?

Berlin ist sehr flach, im topografischen Sinne. Das ist für mich außergewöhnlich. Die Stadt hat viele Brüche, das gefällt mir.

Ihr Thema ist die Qualität in der Architektur. Wie hat Berlin aus Ihrer Sicht in den letzten 15 Jahren abgeschnitten?

Sehr guter Durchschnitt. Wenn ich bedenke, welche „Goldgräberzeit“ Berlin erlebt hat, dann ist die Qualität beachtlich. Dass die Zeiten vorbei sind, ist kein Nachteil. Die besten Quartiere entstehen dort, wo sie etwas langsamer entstehen, das ist ein große Chance für Berlin.

Ist der Typus der europäischen Stadt für Sie ein Paradigma?

Berlin ist in der Tradition der europäischen Stadt entstanden. Die europäische Stadt ist kein Paradigma, sondern sehr vielfältig. Es gibt kein Stildiktat oder so etwas. Sie ist vielfältig, unterschiedlich, und vor allem dort gut, wo sie sich kontextuell weiterentwickelt.

Gehören Hochhäuser dazu?

Hochhäuser per se sind nicht unabdingbar, schon gar nicht für jede Stadt. Weil Berlin aber so flach ist, finde ich es ganz schwierig, sich zu orientieren. So gesehen eignet sich Berlin durchaus für Hochhäuser. Die Frage ist aber: Wo sollen sie stehen? Ein Hochhaus entwickelt sich immer nur, wenn der Ort sich wirtschaftlich eignet. Man muss die Stadt lesen, um zu erkennen, ob es Orte gibt, in denen sie städtebaulich möglich sind.

Die Hochhausstandorte sind im Planwerk Innenstadt Ihres Vorgängers Hans Stimmann im Wesentlichen festgelegt: Potsdamer Platz, Breitscheidplatz, Alexanderplatz.

Ich lese das Planwerk Innenstadt als städtebauliches Konzept und nicht als einen fertigen Entwurf. Die eigentliche Leistung ist der visionäre Charakter des Plans. Seither haben sich die Bedingungen für die Stadtentwicklung aber auch verändert.

Was bedeutet das?

Gebaut wird dort, wo investiert wird. Ein Planwerk denkt vor, was passieren soll. Ich glaube aber nicht, dass dieses Planwerk akribisch umgesetzt werden muss. Man kann nicht einfach die Stadt verdichten, ohne Nutzer und ohne Bewohner.

Ihr Vorgänger hat alles in sein städtebauliches Raster gezwungen, hat völlig abgelehnt, was zum Beispiel Frank O. Gehry mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao geschaffen hat: ein einzelnes Monument. Welche gestalterischen Freiräume wird es künftig geben?

Ich bin sehr für Monumente, eine Stadt braucht so etwas. Aber sie müssen an der Stelle, an der sie stehen, einen Mehrwert produzieren. Das ist in Bilbao sicherlich leichter als in Berlin. Ich finde zum Beispiel den Gehry-Bau am Pariser Platz sehr schön.

Man erkennt ihn von außen fast gar nicht als Gehry-Bau.

Ich erkenne das schon. Die Fassade finde ich äußerst gelungen. Ich habe bewundert, wie sich Gehry in den steinernen Kontext des Platzes einordnet. Der Mann kann etwas.

Wenn Sie Monumente für richtig halten: Ist es nicht eine vertane Chance, eine Schloss-Kopie wiederzuerrichten?

Ich glaube, dass Berlin verstanden hat, dass die Stadt an dieser Stelle eine außerordentliche Nutzung braucht. Dabei hat die Erinnerung einen großen Stellenwert und eine psychologische Bedeutung. Es gibt eine Sehnsucht nach gebauter Erinnerung. Mit Wiederaufbau haben wir uns in der Schweiz in diesem Maße nie befassen müssen. Ich finde das spannend.

Was ist spannend, eine Kopie zu errichten?

Ich sehe darin nicht so sehr städtebauliche, architektonische Aspekte. Man muss auch andere Dimensionen mitdenken. Es geht manchmal um so abstrakte Fragen wie: Wie kann eine Stadt ihre Seele zurückerobern? Abbrechen und Wiederaufbau ist für uns ungewöhnlich, in der chinesischen Kultur aber Alltag. Der Geist öffnet sich, wenn wir in andere Kulturen schauen.

Was hat das Schloss mit der Seele zu tun?

Es ist ein Stück Heimat, es hat mit Heimatgefühl zu tun. Stadt ist ein Inbegriff des von Menschen Geschaffenen, als Ort für Gemeinschaft. Es ist ein Symbol für Heimat und Kontinuität. Das Interessante ist: Es gibt an diesem Ort mindestens zwei Heimaten. Das ist spannend.

Anderes Thema: Wohnungsbau. Welche Rolle spielt das in der Stadtentwicklung?

Wohnungsbau hängt stark davon ab, dass Freiräume und öffentliche Räume geschaffen werden, die es attraktiv machen, in der Innenstadt zu leben. Da spielen auch Fragen der Sicherheit, der Infrastruktur mit hinein, also Krippenplätze, Schulen. Dann gibt es die Investoren. Wenn Investoren ausschließlich Bürogebäude errichten wollen, ist es sehr schwer, sie von anderen Konzepten zu überzeugen. In Zürich war es so, dass es sich lohnte, in Wohnungsbau zu investieren, weil so viele Büros leer standen.

Sind die Stadthäuser am Friedrichswerder ein Weg, den man weiter beschreiten sollte?

Ich glaube, dass eine Stadt immer ungewohnte urbane Muster produzieren sollte. Das kann durchaus wieder zu einer Quartieridentität führen. Das sind Dinge, wo man dem Planwerk eine gewisse Flexibilität abverlangen sollte.

Es gibt riesige Brachen am Hauptbahnhof, an der Spree. Welche Vorstellungen haben Sie für die Entwicklung?

Ich habe noch keine Vision: Es gibt für mich im Moment keinen Grund, die Dinge infrage zu stellen. Zuerst muss ich sie kennenlernen, muss Gespräche führen und herausfinden, welche Probleme es gibt. Durch den Bahnhof entsteht ein Potenzial für ein gemischtes Gebiet mit Wohnungen und Büros.

Das Gespräch führten Falk Jaeger und Matthias Oloew.

Regula Lüscher, Jahrgang 1961, leitete zehn Jahre lang mit Patrick Gmür ein gemeinsames Architekturbüro, bevor sie zur Stadtverwaltung Zürich wechselte. Von 1981 bis 1986 hatte sie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich studiert.

Seit 1998 ist sie in verschiedenen Hochschulen als Dozentin tätig. Als Stadtplanerin hat sie stets eng mit den verschiedenen Interessengruppen zusammengearbeitet und sich besonders für Entwicklungsgebiete wie etwa Zürich-West eingesetzt.

Sie bezieht Grundeigentümer und Bauherren in die Planungen mit ein. „Von Verboten halte ich nichts“, sagt sie. Am 1. März begann ihre Amtszeit als neue Berliner Senatsbaudirektorin .

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