Heidi Specognas Film "Carte Blanche" setzt Maßstäbe

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Essay : Das Weltgericht im Blick

Nun sind Prozesse gegen Kriegsverbrecher, internationale Tribunale, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit verhandeln, an sich ein sperriges Terrain, nicht nur für deutsche Filmemacher. Bei Gericht gelten strikte Regularien, phasenweise kommt es zu hypnotischer Langsamkeit, stundenlang können Experten zu Ballistik oder Funktechnik reden. Nirgends scheint die Diskrepanz zwischen den Verbrechen und dem Setting so unermesslich wie hier, und nie können die Verfahren den Traumatisierten vollends gerecht werden. Sie sollen ja nur Tatbestände aufklären, den individuellen Anteil des Angeklagten daran gewichten und ein Urteil finden.

Angesichts der immens reduzierten Struktur scheint eine der wenigen, ethisch vertretbaren Möglichkeiten, solche Prozesse zu repräsentieren, die maximal reduziert dokumentarische. Als Peter Weiss 1965 „Die Ermittlung“ über die Auschwitzprozesse schrieb, stützte er sich für das Theaterstück ausschließlich auf Zeugenprotokolle. Die Bühne wirkte ähnlich asketisch, wie der Gerichtssaal. Vergleichbar ging Eyal Sivans Dokumentarfilm „Ein Spezialist“ von 1999 vor, der den Eichmann-Prozess in Jerusalem darstellt. Karg und intensiv ist auch die britische Dokumentation „Milosevic on Trial“ von Michael Christoffersen aus dem Jahr 2007, die sich auf Zeugen und Reaktionen des Angeklagten und des Richters konzentriert; ebenso verfährt Mirko Klarins „Against all odds. The first ten years of the Tribunal“ von 2004. Eine Pionierin des ICC ist die Schweizer Dokumentarfilmerin Heidi Specogna mit ihrem preisgekrönten Film „Carte Blanche“ von 2011.

Während Specogna die Ermittler des ICC bei Exhumierungen und Beweissicherung in Zentralafrika begleitet, beweist sie eine präzise beobachtende Geduld und Ruhe, die geradezu mimetisch dem Rhythmus und dem Modus von Ermittlungsarbeit folgt. Zugleich darf der Film empathisch über das Gerichtsverwertbare hinausweisen, den Zeugen auch da zuhören, wo sie nichts konkret zur Tat sagen, und den Ermittlern auch da zusehen, wo sie erschöpft sind und sich selber Fragen stellen.

„Carte Blanche“ setzt Maßstäbe. Dieser Film zeigt auch: Längst wäre es Zeit, einen Preis auszuschreiben für herausragende Filme allein zum Thema Internationale Strafjustiz. So neu diese ist, so sehr braucht sie solche Impulse.

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