Gegenbewegung gegen Überflutungen in digitalen Netzen

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Essay von Alexander Kluge : Wie schreiben und lesen wir in der Zukunft?
Alexander Kluge
Die Digitalisierung verändert alles - auch die Art, wie wir lesen und schreiben.
Die Digitalisierung verändert alles - auch die Art, wie wir lesen und schreiben.Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Zeichen, die wir in unseren Körpern herumtragen (wie schon gesagt: in jeder Zelle regiert die DNA), sind nicht nur die Elemente, sondern in diesen Zeichen liegt auch die Chance auf Bodenhaftung. Die DNA als „Alphabet des Lebens“ besteht aus vier Buchstaben, manche sagen, es seien sechs. Aber wie verschieden ist das, was diese Zeichen ausdrücken und bewirken: vom Rad eines Pfaus bis zu einer mütterlichen Stimme. Diese Vielfalt wirkt wie ein Anker.

Ob unsere Gattung Mensch mit dem Wort „sapiens“ (klug und weise) richtig bezeichnet ist, muss sich von Fall zu Fall herausstellen. Sicher ist aber, dass wir zur Gattung homo compensator zählen. Wir gehören zu den Gleichgewichtlern: weil wir die Maßverhältnisse aufgrund unserer evolutionären Herkunft täglich in und mit uns tragen.

Das Buch von Hermann Parzinger, „Die Kinder des Prometheus“, handelt von den extrem langen Zeiten der Menschen vor Erfindung der Schrift. Die Zähmung des Feuers, Musik und Tanz, das Sprechen, während man um das Feuer sitzt, die gemeinsame Jagd, Ahnungsvermögen, Gedächtnis und Gefühle – alles das ist entstanden, ehe es die Schrift gab. DIE MÜNDLICHKEIT HAT IHRE EIGENEN ALPHABETE: In der Intimität, bei konkreter Arbeit, in den ersten Jahren des Lebens – hier wird nicht schriftlich (auch nicht digital) gelebt. Küsse brauchen keine Alphabete.

Buchstaben sind nichts Technisches

Schriftlichkeit begründet die Moderne. Sie ist Kernstück der Urbanität, der Grundbuchämter, der Buchhaltung, des politischen Gedächtnisses und der Wissenschaften. Sie ist eine Fußfessel der Sprechlust. Sie muss für unsere Vorfahren in der Tat wie ein Schock gewirkt haben, weil sich plötzlich die Worte, kaum sind sie ausgesprochen, wie autonome Wesen verselbstständigen und schwer aus der Welt zu schaffen sind. Adolf Hitler warnte: Geheimbefehle immer nur mündlich geben, nichts aufschreiben! Zugleich ist zu beobachten, dass in frühen Revolutionen die Massen als Erstes die Ämter stürmen, in denen das Geschriebene, die Schuldenverzeichnisse und die Strafakten, aufbewahrt werden.

Buchstaben sind nichts Technisches. In vielen Kulturen haben Buchstaben zugleich einen Zahlenwert. In der Kabbala gibt es die Lehre von den ZAHLEN UND BUCHSTABEN GOTTES. Beides, Zahlen und Buchstaben, sind Lebewesen. Das, was in Kindern oder Erwachsenen „lernt“, gehört zu den lebendigsten Eigenschaften und Kräften, die es im Menschen gibt.

Gutenbergs Druckerkunst, darauf hat der Soziologe Dirk Baecker hingewiesen, bringt eine INFLATIONIERUNG DER SCHRIFTLICHKEIT. Viel Schnellgedrucktes, das zum Bürgerkrieg, zum religiösen Hass aufruft, viel gedruckter Schrott. Die Menschen haben sich 200 Jahre lang gegen das Übermaß an Gedrucktem gewehrt. In der Aufklärung fanden sie das Gegenmittel, den Gegen-Algorithmus zu Gutenberg: die LUST AN DER KRITIK. Die drei großen Kritiken von Immanuel Kant sind eine Festung gegen die Sintflut des Gedruckten. In drei Bänden ist zu lesen: was ich nicht wissen kann und was ich nicht wissen muss, auf was ich hoffen darf. Ähnlich, nehme ich an, wird es, noch in diesem 21. Jahrhundert, eine Gegenbewegung der Nutzer gegen die Überflutungen in den digitalen Netzen geben: die Suche nach Oasen inmitten der Siliziumwüste.

Alexander Kluge, 1932 in Halberstadt geboren, lebt als Schriftsteller und Filmemacher in Frankfurt am Main. Vollständig erscheint der hier dokumentierte Essay im Programmbuch zur Veranstaltungsreihe „Das Neue Alphabet“.

Begehbares Theater mit fünf Podien

Sind binäre Codes, Algorithmen und die DNA die Alphabete von heute? Nach dem „Anthropozän-Projekt" und „100 Jahre Gegenwart“ beginnt das Haus der Kulturen der Welt (HKW) mit Das Neue Alphabet nun einen weiteren, auf drei Jahre angelegten Zyklus von Analysen unserer Gegenwart. Bei den Opening Days vom 10.bis 13.Januar gehen Künstler, Wissenschaftler und Forscher bei freiem Eintritt den Formen heutiger Zeichenproduktion nach. In Performances, Konzerten, Gesprächen, Filmen und Installationen zeichnen sie Alphabetisierungsmomente vom Barock bis in die Gegenwart nach.

Der erste Tag (ab 16.30 Uhr) gilt dem Eigensinn menschlichen Ausdrucks und der poetischen Kraft der Theorie. In einem begehbaren Theater mit fünf Podien präsentiert Alexander Kluge Gespräche zur Erfindung der Schrift, zur DNA und zu molekularen Codierungen. Emily Apter, Kate Crawford, Yuk Hui, Luc Steels und Hito Steyerl beschäftigen sich damit, was unübersetzbar ist und was verdrängt oder wegrationalisiert wird. Formen subversiver Zeichenproduktion in antikolonialen Kontexten werden unter anderem von Sandeep Bhagwati in einer zweitägigen musikalischen Komposition erprobt.

Dazu gibt es im gesamten HKW Video-Installationen von Kader Attia, Giulia Bruno & Armin Linke und Filipa César, Filme von Alexander Kluge in Szenenbildern von Thilo Albers und Kokons von knowbotiq. Parallel entwickeln beim (Un-)Learning Place acht Berliner Kollektive mit 80 internationalen Stipendiaten in einer Szenographie von Raumlabor Berlin dekoloniale und antihegemoniale Strategien. Details unter www.hkw.de

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