Essay von Alexander Kluge : Wie schreiben und lesen wir in der Zukunft?

Sind binäre Codes und Algorithmen die Alphabete von heute? Ein Essay zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „Das Neue Alphabet“ im Haus der Kulturen der Welt.

Alexander Kluge
Die Digitalisierung verändert alles - auch die Art, wie wir lesen und schreiben.
Die Digitalisierung verändert alles - auch die Art, wie wir lesen und schreiben.Foto: Getty Images/iStockphoto

Es geht um Zeichen. Wir können solche Zeichen deuten. Auf große Katastrophen wies einst die „Schrift an der Wand“. Das war ein Zeichen, das Belšazar, der Herrscher, nicht entziffern konnte, der Prophet vermochte es. Oft ist es besser, wir lesen auch das Kleingedruckte, die mikroskopischen Zeichen, in denen sich Entwicklungen vorbereiten. Die Zeichen, deren Deutung für uns wichtig ist, kommen aus verschiedenen Epochen. Die EVOLUTION ist die elementarste der ZEITEN, AUS DENEN ZEICHEN KOMMEN. Sie wird von der DNA regiert und dauert mit Gewissheit an. Es ist aber nicht gesagt, dass ihr Fortschritt auf der Seite des „ganzen Menschen“ stattfindet. Das Maß der Evolution ist nicht der Mensch. Vermutlich findet Evolution extrem kleinteilig, unvermutet und allseitig statt.

Eine enger umgrenzte Epoche, faszinierend und unbekannt, ist die „Geschichte der Menschen vor Erfindung der Schrift“. Das ist die Epoche der MÜNDLICHKEIT. Wir unterschätzen, wie grundlegend sie für uns geblieben ist.

Eine weitere Epoche verbindet sich mit der ERFINDUNG DER SCHRIFT. Das ist die Zeit der Gründung der ersten Städte wie Uruk und Babylon. Mit der Schrift entstehen Wissenschaft, Zivilisation, Gesetz und Kontinuität. Zu ihr gehören die vielen Alphabete im eigentlichen Sinn. Die Schrift war für die Vorfahren ein kultureller Schock. Plötzlich verselbstständigen sich die Worte, kaum sind sie gesprochen, und stellen sich dem Sprecher als autonome Wesen gegenüber. Zugleich dient die Schrift als Zeichensetzung für „Eigentum“ und „Herrschaft“. Sie bildet den Boden der Moderne.

Was an der Realität ist realistisch?

In unserer Gegenwart setzen sich die 4.0-Industrie und DAS DIGITALE ZEITALTER neben die Schriftlichkeit. Sybille Krämer betont, dass die Digitalität selbst eine Form der Schriftlichkeit darstellt. Diese neue Epoche setzt evolutionäre und auch disruptive („revolutionäre“) Schübe in Gang, von denen einige schon nicht mehr zur Natur der Erde gehören, sondern eine ZWEITE NATUR entstehen lassen. Tradierte Wirklichkeit wird durch neue Wirklichkeit ersetzt oder überlagert. Ob wir die neue Zeichensetzung der Algorithmen, Datennetze und der künstlichen Intelligenz in ihrer wahren Dimension verstehen, wissen wir nicht. Wir müssen neu schreiben lernen. Vor allem müssen wir neu lesen: wie sich die Zeichensetzung verändert. Wir fragen: Was sind wir wert, was ist unser Leben im globalen Verwertungsnetz wert? Was ist die Realität und was an der Realität ist realistisch? Wir begegnen einem Chamäleon-Charakter des Wirklichen. Wir müssen doppelt lesen lernen, mitten im „Wandel der Zeichen“: Was ist das Element selbst? Und zu welchen Seifenblasen wandelt es sich unter dem Druck der Umstände?

Es gab immer „beschleunigte Jahrhunderte“. Aber es war nie so radikal wie heute, d. h. „an den Wurzeln zerrend“ (radix = Wurzel). Im 12. Jahrhundert reichte das, was einer in seiner Jugend gelernt und erfahren hatte, nicht aus, sich in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts zurechtzufinden. Die Antwort war: ERWACHSENENBILDUNG, GRÜNDUNG DER UNIVERSITÄTEN. Vehemente Erneuerung des Lese- und Schreibprogramms Karls des Großen (400 Jahre zuvor), mit leidenschaftlichem Zugriff auf alles Neue, was die Menschen aufstörte.

Ich zähle jetzt nicht auf, wie es in Japan im 19. Jahrhundert zum plötzlichen Ausmarsch aus dem Mittelalter kam, was die Renaissance aus Gründen der Not und der PLÖTZLICHKEIT DER ZEIT an Antworten erfand, was im England des 16. Jahrhunderts den Boden schuf, auf dem 100 Jahre später die frühe Industrialisierung begann. Es gibt jedoch Hinweise, dass sich in unserer Zeit Phänomene des Barockzeitalters, der Gründungsphase des „neuen Menschen“, wiederholen. Tatsächlich brauchen wir für das 21. Jahrhundert die Erneuerung des PRINZIPS WUNDERKAMMER.

Wir Menschen sind keine Einfüßler

So nannten sich Einrichtungen, die, angesichts des gewaltigen Realitätsdrucks und der Schnelligkeit des „Fortschritts“, die VEREINIGUNG SÄMTLICHER KÜNSTE AN EINEM ORT betrieben: keine Fachschranken, Neugier als Hauptsache, keine Trennung des Schönen vom guten Willen, der Wissenschaft von der Praxis, der Magie vom Leben. Wir sehen am Hofe Rudolfs des Zweiten, des wohl einzigen kognitiv interessierten Kaisers unter den Habsburgern, die Alchemisten am Werk. In Nachbarschaft arbeitet der Maler Arcimboldo. Als weiterer Nachbar: Tycho Brahe, der Sternenforscher (von dem der siebenjährige Johannes Kepler seine Prägung erhält). Das ist ein ZIRKUS DER INNOVATIONEN, auf dessen Hochtrapez G. W. Leibniz tanzte. Dass Walter Benjamin in seiner Habilitation „Der Ursprung des deutschen Trauerspiels“ in der Barockzeit die Zeichen der Moderne des 20. Jahrhunderts entdeckte, galt für die damaligen 20er Jahre (die auch disruptiv waren). Aber es muss erst recht gelten für die 20er Jahre unseres 21. Jahrhunderts.

Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge
Der Schriftsteller und Filmemacher Alexander KlugeFoto: picture alliance / Britta Peders

Von G. W. Leibniz führen zwei (bifurkative) Straßen zum Heute. Die eine liegt verlassen da, die andere hat Stau. Wir Menschen sind keine Einfüßler. Wenn der eine Fuß (der objektiv-vermittelte, der funktionalistische) voranschreitet, ein zweiter aber nicht da ist (der subjektive, der träumerische), bewegt sich auf beiden Fahrbahnen nichts. Monaden (wir Menschen, aber auch die Dinge) sind nämlich Besonderheiten, Besonderheiten verständigen sich und verkehren nur mit anderen Besonderheiten oder der besonderen, stets auch eigensinnigen Seite ihres Gegenübers. Das setzt den Betonpisten der Informatik und jeder weltbeherrschenden Organisation feste, undurchbrechbare Grenzen. Rennt eine Gesellschaft gegen eine solche Wand, wird das ein Unfall sein.

Das alles stellt die Frage auf neue Weise: „Was ist Realität?“ Schon bei Arcimboldo (oder bei Goya) verschränken sich Wirkliches und ganz Unwirkliches untrennbar zu Monstren. Die Gesichtszüge eines Menschen sind bei Arcimboldo zugleich Pflanzen oder Dinge. Die Frage hat sich in unserer Zeit verschärft: Was unter Bedingungen des DIGITALEN KAPITALISMUS ist genuin und wirklich und was ist Attrappe (Papiertiger, nur „real-existierend“)? Das ist für das bloße Auge nicht ersichtlich. Deshalb: NEU LESEN, NEU LERNEN. Unrealistisch ist nämlich auch, was objektive Gewalt hat, sogar was die Zustimmung der Kunden besitzt, wenn es sich um die subjektive Seite der Menschen nicht kümmert.

Die ist nämlich in ihrem fast unmerklichen Widerstand härter als der Beton der kommunikativen Autobahnen. Die wirren, kompakten Verhältnisse unserer Welt müssen wir uns neu aneignen und umsortieren, wie es im Märchen die Tauben mit ihren Töpfen taten. NEU LESEN UND NEU SCHREIBEN heißt: die Realität erst noch herstellen, sie konstruieren. Nicht das Vorgefundene nachkauen. Ohne NEU LESEN keine Architektur des Realen. Wir arbeiten, ohne es schon zu wissen, an einem Neuanfang, einer Stunde null. Ähnlich wie es die Trümmerfrauen 1945 taten, die die Elemente, die Backsteine, neu putzten für den Wiederaufbau. Andernfalls bleiben wir in Trümmern wohnen.

Die Digitalisierung verändert alles - auch die Art, wie wir lesen und schreiben.
Die Digitalisierung verändert alles - auch die Art, wie wir lesen und schreiben.Foto: Getty Images/iStockphoto

Die Zeichen, die wir in unseren Körpern herumtragen (wie schon gesagt: in jeder Zelle regiert die DNA), sind nicht nur die Elemente, sondern in diesen Zeichen liegt auch die Chance auf Bodenhaftung. Die DNA als „Alphabet des Lebens“ besteht aus vier Buchstaben, manche sagen, es seien sechs. Aber wie verschieden ist das, was diese Zeichen ausdrücken und bewirken: vom Rad eines Pfaus bis zu einer mütterlichen Stimme. Diese Vielfalt wirkt wie ein Anker.

Ob unsere Gattung Mensch mit dem Wort „sapiens“ (klug und weise) richtig bezeichnet ist, muss sich von Fall zu Fall herausstellen. Sicher ist aber, dass wir zur Gattung homo compensator zählen. Wir gehören zu den Gleichgewichtlern: weil wir die Maßverhältnisse aufgrund unserer evolutionären Herkunft täglich in und mit uns tragen.

Das Buch von Hermann Parzinger, „Die Kinder des Prometheus“, handelt von den extrem langen Zeiten der Menschen vor Erfindung der Schrift. Die Zähmung des Feuers, Musik und Tanz, das Sprechen, während man um das Feuer sitzt, die gemeinsame Jagd, Ahnungsvermögen, Gedächtnis und Gefühle – alles das ist entstanden, ehe es die Schrift gab. DIE MÜNDLICHKEIT HAT IHRE EIGENEN ALPHABETE: In der Intimität, bei konkreter Arbeit, in den ersten Jahren des Lebens – hier wird nicht schriftlich (auch nicht digital) gelebt. Küsse brauchen keine Alphabete.

Buchstaben sind nichts Technisches

Schriftlichkeit begründet die Moderne. Sie ist Kernstück der Urbanität, der Grundbuchämter, der Buchhaltung, des politischen Gedächtnisses und der Wissenschaften. Sie ist eine Fußfessel der Sprechlust. Sie muss für unsere Vorfahren in der Tat wie ein Schock gewirkt haben, weil sich plötzlich die Worte, kaum sind sie ausgesprochen, wie autonome Wesen verselbstständigen und schwer aus der Welt zu schaffen sind. Adolf Hitler warnte: Geheimbefehle immer nur mündlich geben, nichts aufschreiben! Zugleich ist zu beobachten, dass in frühen Revolutionen die Massen als Erstes die Ämter stürmen, in denen das Geschriebene, die Schuldenverzeichnisse und die Strafakten, aufbewahrt werden.

Buchstaben sind nichts Technisches. In vielen Kulturen haben Buchstaben zugleich einen Zahlenwert. In der Kabbala gibt es die Lehre von den ZAHLEN UND BUCHSTABEN GOTTES. Beides, Zahlen und Buchstaben, sind Lebewesen. Das, was in Kindern oder Erwachsenen „lernt“, gehört zu den lebendigsten Eigenschaften und Kräften, die es im Menschen gibt.

Gutenbergs Druckerkunst, darauf hat der Soziologe Dirk Baecker hingewiesen, bringt eine INFLATIONIERUNG DER SCHRIFTLICHKEIT. Viel Schnellgedrucktes, das zum Bürgerkrieg, zum religiösen Hass aufruft, viel gedruckter Schrott. Die Menschen haben sich 200 Jahre lang gegen das Übermaß an Gedrucktem gewehrt. In der Aufklärung fanden sie das Gegenmittel, den Gegen-Algorithmus zu Gutenberg: die LUST AN DER KRITIK. Die drei großen Kritiken von Immanuel Kant sind eine Festung gegen die Sintflut des Gedruckten. In drei Bänden ist zu lesen: was ich nicht wissen kann und was ich nicht wissen muss, auf was ich hoffen darf. Ähnlich, nehme ich an, wird es, noch in diesem 21. Jahrhundert, eine Gegenbewegung der Nutzer gegen die Überflutungen in den digitalen Netzen geben: die Suche nach Oasen inmitten der Siliziumwüste.

Alexander Kluge, 1932 in Halberstadt geboren, lebt als Schriftsteller und Filmemacher in Frankfurt am Main. Vollständig erscheint der hier dokumentierte Essay im Programmbuch zur Veranstaltungsreihe „Das Neue Alphabet“.

Begehbares Theater mit fünf Podien

Sind binäre Codes, Algorithmen und die DNA die Alphabete von heute? Nach dem „Anthropozän-Projekt" und „100 Jahre Gegenwart“ beginnt das Haus der Kulturen der Welt (HKW) mit Das Neue Alphabet nun einen weiteren, auf drei Jahre angelegten Zyklus von Analysen unserer Gegenwart. Bei den Opening Days vom 10.bis 13.Januar gehen Künstler, Wissenschaftler und Forscher bei freiem Eintritt den Formen heutiger Zeichenproduktion nach. In Performances, Konzerten, Gesprächen, Filmen und Installationen zeichnen sie Alphabetisierungsmomente vom Barock bis in die Gegenwart nach.

Der erste Tag (ab 16.30 Uhr) gilt dem Eigensinn menschlichen Ausdrucks und der poetischen Kraft der Theorie. In einem begehbaren Theater mit fünf Podien präsentiert Alexander Kluge Gespräche zur Erfindung der Schrift, zur DNA und zu molekularen Codierungen. Emily Apter, Kate Crawford, Yuk Hui, Luc Steels und Hito Steyerl beschäftigen sich damit, was unübersetzbar ist und was verdrängt oder wegrationalisiert wird. Formen subversiver Zeichenproduktion in antikolonialen Kontexten werden unter anderem von Sandeep Bhagwati in einer zweitägigen musikalischen Komposition erprobt.

Dazu gibt es im gesamten HKW Video-Installationen von Kader Attia, Giulia Bruno & Armin Linke und Filipa César, Filme von Alexander Kluge in Szenenbildern von Thilo Albers und Kokons von knowbotiq. Parallel entwickeln beim (Un-)Learning Place acht Berliner Kollektive mit 80 internationalen Stipendiaten in einer Szenographie von Raumlabor Berlin dekoloniale und antihegemoniale Strategien. Details unter www.hkw.de

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