Essays von Julian Barnes : Wenn Bilder sprechen könnten

Augen auf: Der englische Schriftsteller Julian Barnes lehrt in 17 pointenreichen Essays „Kunst sehen“.

Dorothea Zwirner
Wer umgarnt hier wen? Félix Vallotons Ölgemälde „Die Lüge“ aus dem Jahr 1898.
Wer umgarnt hier wen? Félix Vallotons Ölgemälde „Die Lüge“ aus dem Jahr 1898.Foto: mauritius images / Art Heritage

Große Schriftsteller wie Gustave Flaubert oder Henry James hatten eine natürliche Scheu, über bildende Kunst zu schreiben. Sie taten es dennoch, genauso wie Julian Barnes in seinem „Kunst sehen“, einem Buch, das 17 Essays über seine Lieblingskünstler versammelt, zu denen Delacroix, Manet, Cézanne und Bonnard genauso gehören wie Braque, Magritte, Oldenburg und Freud.

Mit englischem Charme schreibt dieser frankophile Romancier am meisten und besten über die französische Malerei des 19. Jahrhunderts. Er erzählt die Kunst wie einen Roman und wechselt dabei zwischen der Perspektive des wissenden und des unwissenden Auges hin und her. Neben lebendigen Bildbeschreibungen und biografischen Verknüpfungen finden sich seine Reflexionen über Sinn und Zweck der Kunst.

So lautet etwa die lakonische Pointe zu Géricaults dramatischem Schiffbruch-Bild „Das Floß der Medusa“, das seinem Roman „Eine Geschichte der Welt in 10 ½ Kapiteln“ entstammt: „Aus einer Katastrophe ist Kunst geworden: Dazu ist sie schließlich da.“

Kunst und Literatur gehen bei Julian Barnes eine geradezu amouröse Beziehung ein. Vom Liebesleben der Künstler ist viel die Rede in diesem sinnenfreudigen Buch, das sich die unverblümten Fragen eines „gesunden kleinen Kulturbanausen“ leistet, der Barnes als kleiner Junge einmal war, und gleichzeitig die Beobachtungs- und Beschreibungsgabe des erfahrenen Schriftstellers erkennen lässt.

Unverkrampft interessiert er sich genauso für die Persönlichkeit des Künstlers wie für dessen Kunst, ohne beide auf ein biografisches oder psychologisches Erklärungsmuster zu reduzieren.

Ungebührliche Fragen

Vielmehr fördert Barnes mit ungebührlichen Fragen originelle Details und Einsichten über die Kunst und das Menschsein im Allgemeinen zutage. Dass er die Kunst aus originaler Anschauung und vertiefter Beschäftigung genau kennt, machen nicht nur die wunderbaren Beschreibungen, sondern auch die Zitate deutlich, zu denen man sich manchmal Quellenangaben gewünscht hätte.

Aber dann wäre es eben nicht dieses unterhaltsame Buch voll anekdotischer Kunstgeschichten und literarischer Künstlerporträts.

Wenn wir etwa über Courbet erfahren, dass er sich selbst „den stolzesten und arrogantesten Mann Frankreichs“ nannte, dann führt uns Barnes sofort dessen Großformat „Die Begegnung“ von 1854 vor Augen, das jüngst in der Wanderlust-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie zu sehen war.

Mit unverkennbarem Stolz begegnet der mit Wanderstab und Staffelei-Tornister ausgestattete Maler seinem Bewunderer und Gönner, der ehrerbietig seinen Hut zieht. Barnes erkennt in ihm einen „Pionier der Selbstvermarktung“, dessen monumentales Atelierbild von 1854/55 zu behaupten scheint: „Von nun an, besagt das Bild, erschafft der Künstler die Welt, nicht Gott.“

Türsteher Picasso

Dagegen lässt sich Bonnards berühmte Bescheidenheit (wie Braques stille Autorität) am besten im Kontrast zu Picassos Gigantomanie herausarbeiten: „Picasso wacht als Türsteher über den Zutritt zur Moderne. Bonnard hat sich womöglich gar nicht in die Schlange gestellt, aber Picasso hat ihm trotzdem Hausverbot erteilt.“

Oder: „Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Picasso, der öffentliche, links gerichtete Zampano, den privaten, rechts gerichteten Stubenhocker Bonnard nicht leiden konnte. Bonnard – besser gesagt Bonnards Reputation – muss für Picasso ein Ärgernis gewesen sein. Zumal Matisse ihn unumwunden zum Genie erklärte.“

Barnes bringt die Bilder zum Sprechen, als erzählten sie selbst ihre innere und äußere Entstehungsgeschichte. Während die bildimmanente Geschichte vom Kampf zwischen Linie und Farbe und dem Ringen um Wahrhaftigkeit und Schönheit handelt, erzählt die Lebensgeschichte der Künstler von Erfolg und Scheitern, Rivalität und Eifersucht, Geheimnissen und Sehnsüchten, Fantasien und Abgründen.

Liebkosungen, ungerührt

Exemplarisch lässt sich das in Félix Vallottons kleinem Bild „Die Lüge“ aus der Serie der Intimités von 1898 vorführen, das unwillkürlich die Frage aufwirft, wer hier wohl wen belügt. Ist es die Frau in Rot, die sich wie eine Schlange eng an den Mann schmiegt, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern, oder der Mann in Schwarz, der sich scheinbar ungerührt die Liebkosung gefallen lässt?

In dem Schwarz-Rot-Kontrast, der sich in dem Sofa zu einem verheißungsvollen Rotschwarz vereinigt, scheint die Wahrheit der Lüge über die Polarität der Geschlechter verborgen. „Es sind Bilder der Angst, der Unzufriedenheit, des Konflikts. Es sind rätselhafte Erzählungen vom sexuellen Leben. Selten ist klar, wer dominiert, wer bezahlt und in welcher Währung.“

Es ist der Blick für die Details, der sich bei Barnes zur Pointe zuspitzt. Zum Beispiel war ihm bisher nie aufgefallen, dass die nackte Figur auf Manets Skandalbild „Frühstück im Grünen“ ein kaum wahrnehmbares schwarzes Band im Haar trägt. „Es ist als würde Manet sagen: ‚Nackt – wieso nackt? Seht ihr nicht, dass sie ein Band trägt?‘“

Schließlich bietet das mit guten, wenn auch wenigen Reproduktionen ausgestattete Buch noch eine praktische Kurzformel, wie sich möglicherweise Qualität erkennen lässt: „Ein einfacher Test genügt: Interessiert dieses Werk das Auge, regt es das Gehirn an, spornt es den Geist zum Nachdenken an und berührt es das Herz?“

Dann und nur dann, wenn alle unsere Sinne gleichzeitig angeregt werden, sind die notwendigen und hinreichenden Bedingungen für die Möglichkeit großer Kunst erfüllt.

Julian Barnes: Kunst sehen. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2019. 352 Seiten, 25 €.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!