Essays von Péter Nádas : Die Geschichte menschlicher Abgründe

Über die Spuren der jüngeren Diktaturen: Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas betreibt in seinem Essayband „Leni weint“ eine Archäologie der Gegenwart.

Tobias Schwartz
DDR-Bürgerinnen und Bürger studieren vor der deutschen Botschaft in Budapest den Verlauf der grünen Grenze – im Herbst 1989.
DDR-Bürgerinnen und Bürger studieren vor der deutschen Botschaft in Budapest den Verlauf der grünen Grenze – im Herbst 1989.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

„Menschen zu töten ist möglicherweise lustvoll und notwendig, aber keineswegs einfach“, schreibt Péter Nádas in seinem kurzen, aber ungeheuer vielschichtigen Essay „Leni weint“, der 2006 zeitgleich in Ungarn und im deutschen „Kursbuch“ erschien. Der ungarische Schriftsteller und Fotograf führt darin auf drastische Weise aus, so nüchtern wie erschütternd, was bei einer Massenhinrichtung – hier durch deutsche Wehrmachtssoldaten zu Beginn des Zweiten Weltkrieges – alles schiefgehen kann. Nádas benennt die Nachteile der seriellen Exekution durch Genickschuss sowie der Vernichtung von Menschen am Rand einer Grube durch das Maschinengewehr.

Im ersten Fall könne Panik ausbrechen, die nicht zuletzt die Sicherheit des Wachpersonals gefährde. Fehlschüsse führten dazu, dass der Exekutor mit Hirnmasse vollgespritzt werde. Im zweiten Fall sei es anders – schlimmer, könnte man meinen: Die Serienschüsse träfen nicht alle tödlich, das Jammern der Sterbenden belaste die Nerven des Wachpersonals, das sich vorher ohnehin betrunken hätte. „Zu den größeren Unannehmlichkeiten gehört in diesem Fall auch der Umstand, dass das Grundwasser in der Grube umso schneller steigt, je tiefer man die Grube ausgraben lässt, und in dieser von Blut, Hirn, verschiedenen Sekreten und Exkrementen stinkenden, schleimigen, schlammigen Flüssigkeit sind die sich quälenden Körper nur ziemlich schwer einzeln und endgültig zum Schweigen zu bringen.“

Wer Péter Nádas kennt, wer vor allem sein Opus Magnum, den Monumentalroman „Parallelgeschichten“ (2012), eine überwiegend in Budapest angesiedelte Familiengeschichte und gleichzeitig eine Art Abriss des europäischen 20. Jahrhunderts, gelesen hat oder zuletzt sein nicht weniger ausschweifendes und beklemmendes Erinnerungswerk „Aufleuchtende Details“ (2017), den verwundert diese Drastik nicht. Auch nicht der kühle Beschreibungston und die immense Detailkenntnis des Autors – und das bei Weitem nicht nur in diesem Essay.

Es geht ums Schreiben und ums bewusste "Nichtschreiben"

Nádas’ Denken und Schreiben umkreist von früh an die politischen und menschlichen Abgründe, die in den Diktaturen der jüngeren Geschichte und vor allem den Konzentrationslagern der Nazis gipfelten. Dabei erweist er sich als Skeptiker, der sich hartnäckig an psychologischen und kulturellen Widersprüchen abarbeitet und immer auch den von der Historie gezeichneten menschlichen Körper im Blick behält. In „Leni weint“ ist es „Hitlers gefeierte Hofkünstlerin, die wundervolle und charmante Leni Riefenstahl“, die vom Anblick und den Geräuschen des Massenmords überwältigt in Tränen ausbricht – eine fotografisch dokumentierte Szene. Von Auschwitz wollte sie wie so viele später trotz allem nichts gewusst haben.

Der Aufsatz, der auch Radioansprachen des US-Journalisten William L. Shirer sowie die Tagebücher Victor Klemperers zum Thema hat, verleiht nun einem Band den Titel, der, wie es im Klappentext heißt, Nádas’ „wichtigste Essays aus den Jahren 1989 bis 2014“ enthält. So wild durcheinander gewürfelt die Texte auf den ersten Blick erscheinen mögen– sie sind weder thematisch noch chronologisch geordnet –, so stimmig ist die Auswahl im Ganzen.

Es geht um berühmte Kollegen wie Imre Kertész oder Thomas Mann, darum, wie Kertész’ Lager-Erfahrungen seine literarische Leistung verdecken oder wie Mann „der Rolle, die er sich selbst zurechtgeschneidert hat, geradezu zum Verwechseln ähnlich geworden“ sei. Ums Schreiben geht es und wesentlich auch ums bewusste „Nichtschreiben“, das für den Schriftsteller eine Art kontemplativen Zustand darstellt, ohne den er den Weg an den Schreibtisch gar nicht erst finden würde.

Nádas legt Geschichtsschichten bloß

Neben Studien über Albert Camus, den Nádas schelmisch verdächtigt, auch in Wirklichkeit einen Araber getötet zu haben, wie es der namenlose Ich-Erzähler von dessen Roman „Der Fremde“ getan hat, stehen ethnologische Exkurse etwa über die Jagdgewohnheiten und Rituale von Pygmäen sowie Analysen der Erfolgsgeschichte des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Sie münden in eine Psychopathologie des Donaustaates – ohne den gesamteuropäischen Kontext aus den Augen zu verlieren.

Auf der Suche nach Strukturen und Mustern legt Nádas Geschichtsschichten bloß und betreibt eine Archäologie und Genealogie der Gegenwart. Beeindruckend ist das langsame, geradezu gemächliche Entwickeln und Ausbreiten von Gedanken, das sinnliche Verharren bei bestimmten Bildern wie etwa einem Wildbirnenbaum im Garten, der ganze Assoziationsketten in Bewegung versetzt. Ganz gleich, wie weit Nádas scheinbar abdriftet, zu seinen Kernthemen Auschwitz, dem Kalten Krieg, aber auch zu Kunst und Literatur der klassischen Moderne findet er immer wieder zurück.

Waren wir schon einmal weiter?

Geboren wurde er in Budapest, im Jahr 1942. In „Aufleuchtende Details“ schildert er als erste prägende Erinnerung einen Bombenangriff alliierter Flieger. Da war er gerade einmal zwei Jahre alt. In Ungarn folterten und mordeten die faschistischen Pfeilkreuzler. Juden wurden scharenweise deportiert, wenn sie sich nicht, wie Teile von Nádas’ Familie, versteckten. Diese Erfahrungen spiegeln sich in seinen Romanen, Erzählungen und eben auch in den Essays.

Das Vierteljahrhundert, das die Texte abdecken, begann mit einer Verheißung. Der Ostblock zerfiel, der Kalte Krieg schien ein Ende gefunden zu haben und alle Zeichen standen auf Freiheit. Was folgte, war ein Rückfall in Populismus und neuen Autoritarismus – besonders in den ehemaligen Ostblockstaaten, aber auch bei uns im Westen.

„Wir waren schon einmal weiter“, sagte der Historiker Fritz Stern rückblickend über die Perspektiven des Jahres 1989. Könnte gut sein, dass Péter Nádas ihm hier zustimmen würde. „Es gibt keine Demokratie, wenn es keine Demokraten gibt oder wenn die Demokraten nichts für sie tun“, schreibt er in einem zentralen Essay. Er trägt den Titel „Der Stand der Dinge“.

Péter Nádas: Leni weint. Essays, Rowohlt, Reinbek 2018. 528 Seiten, 36 €.

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