Essays von Thomas Hettche : Zwischen Wirklichkeit und Fiktion

Ein im besten Sinne streitbares Buch: Thomas Hettche verbindet in seinem Essayband „Unsere leeren Herzen“ Literaturbetrachtung mit Gegenwartskritik.

Nico Bleutge
Thomas Hettche
Thomas HettcheFoto: Arno Burgi/dpa

Dass die Paläste der Vergangenheit zusammenstürzen, treibt Thomas Hettche um. Schon in seinem Essayband „Totenberg“ hat er das Szenario in dialogisch schweifenden Denkstücken aufgefaltet. Allerorten stößt der Schreibende nur auf Reste humanistischer Kultur. Aber immer noch flackert die Hoffnung, Verlorenes zurückzugewinnen. Ziel und Medium dieser Hoffnung ist für Hettche die Literatur. Ihr traut er das Höchste zu: „In einer Zeit, in der die Dinge dieser Welt sich ebenso aufzulösen drohen wie wir uns in den digitalen Surrogaten dessen, was einmal unsere Innenwelt war, muss Literatur vor allem ein Modus der Wahrhaftigkeit sein.“

In dem Satz steckt alles, was Hettche in seinen neuen Essays umkreist. Da ist vor allem das Internet mit seinen Versprechen von Freiheit und Gleichheit. Die haben haben für Hettche ihre Kraft längst verloren. Angesichts von Überwachungsskandalen, manipulativen Werbestrategien, erst recht aber der Nutzung des Virtuellen für terroristische Ziele, bleibe von den Medien kaum mehr als „Medienbombast“. Was dabei verschwinde: Räume der Sammlung, der Stille, vorneweg jene Idee von Freiheit, mit der die Apologeten des Digitalen einst angetreten sind.

Emphatisch hält Hettche dieser Bewegung die Literatur entgegen. Die Literatur im Sinne des Buches und mit einer ganz bestimmten Vorstellung, was „Realismus“ heute heißen könnte. Der einzelne Text schwebt ihm vor, die literarische Monade, die für Momente das Ganze der Welt spürbar macht. Eine solche genuin künstlerische Erfahrung könnten aber nur Texte ermöglichen, die nicht auf planen „heroisch-affirmativen“ Realismus setzten, der allein vermeintliche Tatsachen kenne.

Hettche spricht als Analytiker, Erzähler und sich erinnerndes Ich

Hettches Idee von Realismus ist umfassender. Realismus ist für ihn nicht einfach eine literarische Technik, sondern eine „literarische Haltung“, eine Art, zu denken und sich durch die Welt zu bewegen. Ein Bewusstsein dafür, dass wir uns die Welt zwar sprachlich konstruieren, es diese Welt aber „auch ohne uns“ gebe. Eine so verstandene realistische Literatur nimmt das Tatsächliche in den Blick und deutet es zugleich, vermischt es mit den Welten der Imagination. Zugleich erlaubt sie dem Leser, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu wechseln. Ein utopischer Raum ist sie, eine „pulsierende Lebendigkeit“.

Thomas Hettche hat mit „Unsere leeren Herzen“ ein im besten Sinne streitbares Buch geschrieben. Viele Thesen behauptet er nicht einfach, sondern entwickelt sie in Tuchfühlung mit eigenen Leseerlebnissen. Oft lagert er die eigene Schreibvorstellung in jene anderer Autoren ein oder zaubert seine Ideen aus den Poetiken wahlverwandter Schriftsteller wie Wilhelm Raabe, Ernst Jünger oder David Foster Wallace hervor. Dabei wechselt er gerne die Perspektive, spricht hier als sich erinnerndes Ich, dort als Analytiker oder Erzähler wie in seinen Romanen. Nur mit der Wir-Form hat er sich keinen Gefallen getan. Manchmal verwendet er sie als Geste der Gemeinsamkeit, manchmal wirkt es vereinnahmend, belehrend. Schade, so unterläuft er gerade jene Offenheit, die er sich von der Literatur wünscht.

Auch manche These verdankt sich eher grober Zuspitzung als dem freien Spiel der Gedanken. So arbeitet Hettche an einigen Stellen mit dem Dualismus von Begrenzung und Verflüssigung, obwohl er andernorts schön ausführt, dass „die Grenze“ und „das Liquide“ eben nicht plane Gegensätze sind, sondern stets dialektisch aufeinander bezogen. Am stärksten ist Hettche dort, wo er seine Ansichten aus dem Gespräch und aus der Erzählung hervorgehen lässt. Etwa in jenem Stück über die Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger und ihren jüngst verstorbenen Mann Peter Bürger, das nicht nur ein einfühlsames Doppelporträt zweier Denker ist, sondern auch eine Studie über den Zusammenhang von Theorie und Leben. Hier kommt Thomas Hettche jener Idee eines „Vexierbildes“ sehr nahe, die er zu Beginn des Buches skizziert.

Thomas Hettche: Unsere leeren Herzen. Über Literatur. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 208 Seiten, 20 €.

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