Eugène Green-Werkschau im Arsenal : Die Welt als Bühne

Die Filme des Kino-Exzentrikers Eugène Green sind einzigartig. Das Kino Arsenal widmet ihm eine Werkschau.

Ein hinreißend naiver Film. „Le monde vivant“ von Eugène Green.
Ein hinreißend naiver Film. „Le monde vivant“ von Eugène Green.Foto: Arsenal

Das Reich der Hexen und Magier steht allen Menschen offen, die sich auf der Flucht vor der Barbarei der Moderne befinden – unter einer Bedingung: Sie müssen am Eingang ihre mobilen Endgeräte abgeben. Materiellen Werten wird in den Filmen des französischen Exzentrikers Eugène Green kein besonderer Stellenwert beigemessen, das müssen auch die sechs Realitätsflüchtlinge erfahren, die in „En attendant les barbares“ (Waiting for the Barbarians) Unterschlupf bei einem Hexenehepaar suchen. Der Dichter, die Malerin, das Bohéme-Pärchen, der Banker, der Obdachlose, sie fürchten sich vor dem Einfluss der sozialen Medien, die von Barbaren beherrscht werden. Der Hexenmeister und seine Frau empfehlen als Gegenmittel einen Crashkurs in Selbsterfahrung, in Form einer Theatertherapie.

Eugène Green gehört zu den Randfiguren des europäischen Kinos und das nicht nur, weil der 69-jährige Regisseur erst spät zum Film gefunden hat. Geboren in den USA, kam Green in den sechziger Jahren nach Europa, lebte in der Tschechoslowakei und Deutschland, bevor er sich in Paris niederließ. Dort gründete er 1977 das Théâtre de la Sapience, mit dem er das barocke Theater in die Gegenwart überführen wollte.

Liebe zum Sprechtheater

Schon sein Debüt „Toutes les nuits“ (2001) über eine Freundschaft im Nachklang der 68er-Unruhen ließ erahnen, dass Green den etablierten Formen des Erzählkinos skeptisch gegenüber steht. Er betrachtet das Leben eher als Bühne, die sich gegen die profane Wirklichkeit behaupten muss. Seine Darstellerinnen und Darsteller blicken meist frontal in die Kamera, sie sprechen mit tonlosen Stimme ohne emotionale Regung. Die Kadrierung ist bei Green wichtiger als der Schnitt: So theaterhaft die Inszenierung wirken mag, die Rahmungen seines Kameramanns Raphaël O’Byrne bestechen durch eine visuelle Klarheit.

Die Werkschau von Eugène Green (acht Lang- und vier Kurzfilme), die noch bis zum 14. November im Kino Arsenal läuft, gibt erstmals die Möglichkeit, dieses im Weltkino einzigartige Œuvre kennenzulernen. Sein aktueller Langfilm „En attendant les barbares“ (2017) und sein jüngster Kurzfilm „Como Fernando Pessoa salvou Portugal“ (How Fernando Pessoa Saved Portugal), die am Donnerstag in einem Doppel zu sehen sind, bilden eine schöne Klammer um das Kino Greens: Sie verbinden wiederkehrende Themen, speziell die Liebe zum Sprechtheater, mit seinem skurrilen Humor.

Der Geist und das Triviale

„En attendant les barbares“ ist das Ergebnis eines Theaterworkshops, den Green 2017 an der „Les Chantiers Nomades“ in Toulouse gab. Statt die Arbeit bloß zu dokumentieren, drehte er einen Film mit der Schauspielklasse. In „Como Fernando Pessoa salvou Portugal“ soll ein junger Dichter 1927 einen Werbeslogan für das neue Modegetränk Coca-Louca schreiben. Die Kampagne ist so erfolgreich, dass sich die Kirche gezwungen sieht, einen Exorzismus an dem Teufelsgetränk der Imperialisten vorzunehmen.

Spitzen gegen Amerika gehören beim Kulturmenschen Green zum guten Ton, ohne dass seine Filme deswegen gleich elitär wären. In dem hinreißend naiven „Le monde vivant“ (2003), der perfekte Einstiegsfilm in dieses eigenwillige Werk, kämpfen zwei Ritter gegen einen kinderfressenden Oger. Der Geist, intellektuell und spirituell, kommt im Kino von Eugène Green genauso zu seinem Recht wie das Triviale.

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