Europäische Lyrik : Engel beim Abwasch

Federico Italiano und Jan Wagner begeben sich auf „Grand Tour“ durch die europäische Poesie.

Garten von Europa. Blütezeit auf dem Keukenhof im holländischen Lisse.
Garten von Europa. Blütezeit auf dem Keukenhof im holländischen Lisse.Foto: Remko de Waal/AFP

Wer sich in den Ideallandschaften unserer Gegenwartspoeten umsieht, wird dort ebenso nützliche wie symbolträchtige Geschöpfe antreffen: eine Eule als Repräsentantin der Weisheit, eine junge Krähe auf einer Gartenbank, eine Goldammer mit ihrem markanten Gesang, ab und zu ein geheimnisvolles Reh oder gar ein „Liebeskaninchen“" - und nicht zuletzt auch Engel, die geflügelten Himmelsboten in diversen Maskierungen. All diese Wappentiere besiedeln ein Terrain, das von prächtigen Apfel- und Pflaumenbäumen bewachsen ist – eine paradiesische Szenerie, die auch nach diversen literarischen Revolutionen unverändert geblieben ist; keine der zahlreichen lyrischen Avantgarden hat sie zu entzaubern vermocht.

All diese naturromantischen Ingredienzien des modernen Gedichts finden wir nun wieder in der materialreichsten und von der Autorenzahl her gewaltigsten Lyrik-Anthologie, die seit Hans Magnus Enzensbergers legendärem „Museum der modernen Poesie“ (1960) veröffentlicht worden ist. Es ist die kulturoptimistisch gestimmte „Grand Tour“, die Jan Wagner und sein italienischer Dichterkollege Federico Italiano in jahrelanger Arbeit und mithilfe von kundigen Gewährsleuten zusammengestellt haben.

Mit erkennbar enzyklopädischer Ambition haben Wagner und Italiano diese einzigartige Textsammlung über die junge Lyrik Europas komponiert. Was Joachim Sartorius 1995 in seinem „Atlas der neuen Poesie“ mit einem eher schmalen Bestand von rund 80 Autoren nur in Umrissen sichtbar machen konnte, wird hier als ein Kontinent der textuellen Vielfalt und des polyphonen Stimmenreichtums sichtbar gemacht. Das großformatige, buchstäblich randvoll mit europäischen Gedichten in deutscher Übersetzung bestückte Werk umfasst fast 600 Seiten und inventarisiert nicht weniger als 450 Dichterinnen und Dichter aus 47 Sprachen.

Viele Gedichte sind erstmal auf Deutsch zu lesen

Von Island im Norden bis nach Israel im Nahen Osten, von Irland im Westen bis nach Belarus, Russland und in die Türkei im Osten reicht die europäische Utopie dieser Textsammlung. Und sie würdigt auch die Arbeit von rund 120 Übersetzerinnen und Übersetzern. Zum schwer zu überbietenden Alleinstellungsmerkmal dieser Anthologie gehört es auch, dass weit über die Hälfte der Gedichte zum ersten Mal in deutscher Übersetzung präsentiert werden. In etwas kleinerer Schrifttype sind die Originale als Fließtext beigefügt.

Diese rekordverdächtige textuelle Opulenz kommt trotz einer biografischen Beschränkung zustande. Denn aufgenommen wurden nur Autorinnen und Autoren, die nach dem Schlüsseljahr 1968 geboren wurden. Wie euphorisiert von der Dynamik der poetischen Globalisierung, unternehmen die Herausgeber in ihrem Vorwort gar nicht erst den Versuch, für ihre riesige Landschaft der europäischen Dichtung ein verlässliches Navigationssystem zu entwerfen. Sie bekennen sich stattdessen zur Tradition der „Grand Tour“, der klassischen Bildungsreise des Bürgertums, zum assoziativen „Zickzackkurs“, „spontanen Abstecher“ und dem „Der-Nase-nach-Prinzip“. Was im konkreten Fall bedeutet, dass sie in sieben „Reise“-Kapiteln ohne erkennbares Ordnungsprinzip von Land zu Land springen, in ihrer „Ersten Reise“ beispielsweise von Polen nach Wales und Mazedonien und von dort nach Island, Moldawien, Portugal und Finnland.

Es bleibt den Nutzern dieses opulenten Nachschlagewerks überlassen, nach impliziten Ordnungskriterien zu suchen. Tatsächlich verbergen sich hinter dem Bekenntnis zum „Spontanen“ doch sehr markante Vorlieben der beiden Herausgeber. Die Programmatik dieser „Grand Tour“ manifestiert sich in der auffälligen Vorliebe für das Narrative, für das erzählende Gedicht, das den schöpferischen Erlebnisaugenblick aus dem Alltag herausschneidet. Die aus intimsten Gebärden und unscheinbarsten Details hervorgehenden Evidenzen werden zum Movens des poetischen Prozesses.

Traumata der Landesgeschichte blitzen auf

Die Anthologie wird eröffnet mit den kunstvoll lakonischen Selbstbespiegelungen des Polen Tadeusz Dabrowski, dessen artifizielle Inventarisierungen von Alltagsaugenblicken zu Taktgebern der gesamten Anthologie werden. „Ich war beim Abwaschen“, schreibt kurz darauf der englische Poet Sean Borondale, „als/ eine Eule ans Fenster flog /(dieses Küchenfenster)/ und ihren Fächer spreizte; / ein blasser Aufschein ihrer Flügelweiten, / weiß und unheimlich…“

An anderer Stelle spricht der polnische Poet Jacek Gutorow von den zwei Zeiten, über die ein Gedicht verfügt: „Auch ich habe nur zwei Zeiten: / Die Erinnerungszeit und die Sehnsuchtszeit.“ Diese beiden Zeiten bestimmen insgesamt die Orte und Gesten der „Grand Tour“. Die „Erinnerungszeit“ führt die Autoren in die Räume der Kindheit oder zu Urszenen des Schreckens, die „Sehnsuchtszeit“ spricht von der Kraft der Wünsche und von der Idylle. In der „Glückskomposition“ des Finnen Risto Oikarinen sitzt das lyrische Subjekt denn auch im Garten des Elternhauses „unter dem von meinem großvater gepflanzten pflaumenbaum“.

Die heitere Idyllik wird nur durchbrochen, wenn Erfahrungen der politischen Umbrüche und Traumata der Landesgeschichte aufblitzen. „Ich lebe in einem land in dem exhumierungen schlagzeilen machen“, notiert etwa Faruk Šehic aus Bosnien und Herzegowina, und konstatiert voller Bitterkeit: „blühendes vaterland aus soldatengebeinen / die freiheit kam über uns wie ein sturmgewitter / nach anhaltendem donner unter dichten wolken / verdampfte die erde den beißenden verwesungsgestank“.

Aus trockenem Brunnen ist kein Wasser zu ziehen

Ein Gedicht des prominenten slowenischen Autors und leidenschaftlichen Europäers Aleš Šteger verweist auf „die romantische und die realistische Schule“ als gegensätzliche Welterkundungsformen. Diese beiden „Schulen“ stehen sich dann tatsächlich als Stilhaltungen in der „Grand Tour“ gegenüber. Fast gänzlich außen vor (Ausnahme: die Finnin Cia Rinne) bleibt dagegen die spracharchäologische, experimentelle Dichtungstradition. Dennoch ist hier ein unverzichtbares Handbuch zur europäischen Lyrik entstanden, das auch die (un)friedlichen Revolutionen und Wendezeiten im Europa seit 1989 bilanziert.

Das tut auch der große ukrainische Erzähler und Poet Serhij Zhadan, der die Wanderungsbewegungen unserer Tage in Verse fasst: „Nimm die wichtigsten Dinge. Die Briefe zum Beispiel. / Nimm die leichten Sachen, die wiegen nicht viel. / Nimm die Heiligenbilder, das Silberbesteck, / nimm die Kreuze, den Goldkram, wir gehen weg. // Nimm ein bisschen Gemüse und vom Brot ein Stück./ Wir kommen nie wieder hierher zurück. / Wir werden die Städte nicht wiedersehen. / Nimm die Briefe, auch schlimme, dann lass uns gehen. // Wir müssen die Nachtkioske verlassen. / Die Gesichter der Freunde werden verblassen. / Aus dem trockenen Brunnen ist kein Wasser zu ziehn. / Wir zwei sind Flüchtlinge. Nachts müssen wir fliehn.“

Federico Italiano/Jan Wagner (Hrsg.): Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Carl Hanser Verlag, München 2019. 582 Seiten, 36 €.

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