Europäischer Filmpreis : Die Nein-Sager und die Du-Sager

Das zerrissene Europa, die Filmfamilie und die MeToo-Debatte: zur 30. Verleihung der Europäischen Filmpreise in Berlin.

Maria Schrader gewinnt mit ihrem Stefan-Zweig-Biopic „Vor der Morgenröte“ hochverdient den Publikumspreis.
Maria Schrader gewinnt mit ihrem Stefan-Zweig-Biopic „Vor der Morgenröte“ hochverdient den Publikumspreis.Foto: Tobias Schwarz/dpa

Er hoffe, sein Land sei ein Teil von Europa, hatte der Pole Krzysztof Kieslowski bei der allerersten Verleihung der Europäischen Filmpreise gesagt. Der berühmt gewordene Satz erfährt im 30. Jahr der European Film Academy ein deutliches Echo. Gleich drei Auszeichnungen gehen bei der Jubiläumsgala wieder nach Polen.

In ein Land, in dem die Euro-Gala in Breslau 2016 zur politischen Manifestation gegen die Demokratur der PiS-Regierung wurde. In ein Land, in dem Anna Zamecka mit ihrem jetzt preisgekrönten Dokumentarfilm „Communion“ eine 14-Jährige porträtiert, die die Kommunionsfeier für den Bruder auf die Beine stellen und ihre zerrüttete Familie wieder zusammenbringen will. Die auf sich gestellten Kinder – wahrlich nicht nur ein polnisches Thema. Gewonnen hat bei der Gala am Samstag im Haus der Berliner Festspiele auch die Kostümbildnerin Katarzyna Lewinska; der Animationsfilmpreis ging an „Loving Vincent“ von Dorota Kobiela (gemeinsam mit ihrem Regie- und Lebenspartner Hugh Welchman), eine Hommage auch an Polens große Zeichentricktradition.

Europa fällt wieder auseinander

Der Filmpreis war 1988 ins Leben gerufen worden, um den kulturellen Zusammenhalt des vom Eisernen Vorhang geteilten Kontinents zu beschwören. Die Geschichte bewegt sich im Kreis: Heute fällt Europa wieder auseinander, und der Appell ist erneut bitter nötig. Von Respekt, Verantwortung, Solidarität und Freiheit ist traditionell viel die Rede bei den Galas. Die so persönliche wie präsidiale Europa-Verteidigung von Wim Wenders sorgt auch diesmal für Mucksmäuschenstille im Saal. Es geht bei diesem Preis ja nicht um Vermarktungsförderung wie bei den Oscars, sondern um die Selbstbehauptung einer schon wegen der Sprachbarrieren disparaten Kulturlandschaft.

Eine Geste, die den Blick nicht nur auf Schweden und Ruben Östlunds sechs Preise (Rekord!) abräumende Kunstsatire „The Square“ lenkt, sondern vor allem Richtung Osten. Polen, Russland, Ungarn, Serbien, sie alle liegen in Europa, so die Quintessenz dieser Jubiläumsgala. Die westlichen Kinonationen sind in diesem Jahr weitgehend abgehängt, Deutschland kann sich mit Maria Schrader immerhin über den Publikumspreis für ihr Stefan-Zweig-Biopic „Vor der Morgenröte“ freuen. Hochverdient – und die schönste Überraschung des Abends.

Filme sind eine gefährliche Waffe

Da ist die großartige Schauspielerin Aleksandra Borbély aus „Körper und Seele“, die bei den Darstellerinnen Isabelle Huppert und Juliette Binoche aussticht. Oder der aus Jugoslawien stammende Produzent Cedomir Kolar, der den Koproduktionspreis erhält. Oder der seit 2014 in Moskau inhaftierte ukrainische Filmemacher Oleg Sentsov – eine traurige Tradition, dass die Academy nun schon zum vierten Mal seine Freilassung anmahnen muss. Und da ist der Russe Alexander Sokurow, der seinen Ehrenpreis mit eigentümlich pessimistischen Worten entgegennimmt.

Sein Leben lang habe er nach einer filmischen Sprache gesucht, sagt der Regisseur in Berlin. Filme könnten zur gefährlichen Waffe werden, sie seien nur selten Kunst oder ein humanitärer Akt. Seine xenophoben Äußerungen von 2015 über Flüchtlinge, die die europäischen Werte gefährden, haben die Academy offenbar nicht irritiert. Ja, die Kunst ist autonom, und vielleicht ist es ja gut, dass Sokurow die Familienatmosphäre in Berlin ein wenig stört.

Überhaupt prägt der Großfamiliensinn die Gala: Im Programmheft zur Verleihung sind die Stars und großen Namen der letzten 30 Jahre mit Vornamen verzeichnet: Theo, Aki, Gianni, Ken, Lars, Pedro, Catherine, Isabelle, Wolfgang, Michael, Maren und viele andere mehr. Man duzt sich, man kennt sich. Sokurows Auftritt macht klar: So einfach ist es mit dem Duzen dann doch nicht.

Im Vorjahr in Breslau war der Brexit ein Riesenthema - wofür dort nicht zuletzt Ken Loach gesorgt hatte. In diesem Jahr entschuldigt sich Stephen Frears für sein Land, das den Europäern so viel Ärger bereitet - und erntet Riesenapplaus. Das größere politische Thema in Berlin: die MeToo-Debatte. Vier gestandene Produzentinnen aus England, Polen, Rumänien und Schweden stehen auf der Bühne, fassen sich an den Händen und ermuntern zum kollektiven Widerstand gegen Übergriffe und strukturellen Sexismus. Womit wir bei den Frauen wären. Sie gewinnen 6,5 der insgesamt 22 Preise, knapp 30 Prozent. Keine schlechte, aber auch keine überragende Quote.

Wo bleiben die Regisseurinnen?

Ein schiefes Gesamtbild: Präsident Wenders, Sokurow, Kolar und der Abräumer Ruben Östlund – trotz Vorstandschefin Agnieszka Holland, trotz Geschäftsführerin Marion Döhring hinterlässt die European Film Academy den Eindruck, dass die wahren Meister eben doch die Männer sind. Frauen, klar, sind im Kommen, sie kämpfen tapfer und mit begeisternder Leidenschaft. Urkomisch, wenn Julie Delpy statt einer Dankesrede für den kleineren Ehrenpreis einen Hilferuf zur Restfinanzierung ihres nächsten Films, "My Zoe" inszeniert, mit zittrigen Händen und flatternden Notizzetteln - und sich selbst per Tombola als Hauptgewinn anbietet, als Frühstückspartnerin am nächsten Morgen. Dank Delpys schauspielerischem Können ist der Auftritt nicht peinlich, aber ein ähnliche Ulknummer von einem Mann? Unvorstellbar. Hinterher, bei der Afterparty, ist sie mit ihren Losen im Nicht-Vip-Bereich nirgends zu sehen. Aber sie war da, hat tatsächlich Lose verkauft, wie hinterher zu erfahren ist.

Frauen als Hauptgewinnerinnen? In 30 Jahren haben gerade mal fünf den Lebenswerk-Preis erhalten, davon nur eine Regisseurin, Agnès Varda. Maren Ade, 2016 mit „Toni Erdmann“die Abräumerin, bleibt vorerst eine Ausnahme. Wie viel angemessener wäre es gewesen, wenn der beste Film 2017, Ildíko Enyedis meisterlich stilisiertes Melodram „Körper und Seele“, sich die Ehre mit „The Square“ geteilt hätte. Ein Preis fürs beste Drama, einer in der Kategorie Komödie, hier eine magische Liebesgeschichte, da die sarkastische Abrechnung mit den Alphatieren der Kunstszene. Aber so könnte nur eine Jury abwägen. Die anonymen Wahlkreuze von 3400 wahlberechtigten Academy-Mitgliedern entfalten eine andere, eher Zufällen und Launen geschuldete Dynamik. In der Kunst, und nur da, hat Demokratie manchmal nichts zu suchen.

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