European Film Market während der Berlinale : Der Ukraine-Konflikt als Chance

Polina Schlicht, Geschäftsführerin der Verleih- und Produktionsfirma Monumental Pictures, kauft in Berlin Lizenzen für die Kinogänger in der Ukraine ein.

Simon Rayß
Immer auf dem Sprung. Polina Schlicht
Immer auf dem Sprung. Polina SchlichtFoto: Mike Wolff

Genrefilme sollten es sein, gerne Komödien. Lieber kein Arthouse-Kino, keine Dramen. Queere Filme gehen auch nicht. „Wir haben ein sehr konservatives Publikum“, erklärt Polina Schlicht der Sales-Agentin, die ihr gerade in einer Suite im Marriott-Hotel Szenen aus einem Film über eine Gay-Bar gezeigt hat. Das Publikum, von dem Schlicht spricht, sind die Kinogänger in der Ukraine. Für sie kauft die Geschäftsführerin der Verleih- und Produktionsfirma Monumental Pictures Lizenzen ein. Auch auf dem European Film Market, der parallel zur Berlinale die Filmindustrie an den Potsdamer Platz lockt.

Zwei Standorte hat der Markt offiziell: den Martin-Gropius-Bau und das Marriott-Hotel. Doch auch in weiteren Hotels wie dem Ritz und dem Hyatt haben sich die Sales-Agenten eingemietet. Sie versuchen, im Namen der Produktionsfirmen neue Filme ins Ausland zu verkaufen – auch an Polina Schlicht.

In dem kleinen Hotelzimmer finden drei Meetings gleichzeitig statt. Trennwände, vollgeklebt mit Filmpostern, teilen die Suite in winzige Kabuffs. In allen Ecken wird geplaudert, scheinbar ganz ungezwungen, es gibt Espresso aus Pappbechern. Über Flachbildschirme flimmern Ausschnitte aus Filmen, die zum Verkauf stehen. Manche werden gerade erst gedreht, die Szenen kommen direkt vom Filmteam.

Niederlassungen in Moskau, Kiew, Los Angeles und Berlin

Vor dem Fernseher sitzt Polina Schlicht mit Kopfhörern. Ob sie tatsächlich interessiert ist an dem, was sie da sieht, bleibt ihr Geheimnis. Ein gutes Stück Show ist dabei, auf den Bildschirmen genauso wie davor. Gerade laufen Szenen eines Science-Fiction-Streifens: Ein Raumschiff schält sich aus den Wolken, dann Geballer und Explosionen. Schlicht weiß, dass sie in dieser Suite nicht fündig werden wird. Schon im Vorfeld hat sie Material zu den Filmen bekommen. Zusammenfassungen, Drehbücher. Die Budgets der Produktionen sind einfach zu niedrig – nicht das Richtige für eine Kino-Auswertung, wie sie Monumental Pictures anpeilt. Zehn Millionen Dollar sollten die Filme schon gekostet haben, mehr als 100 Millionen aber auch nicht. „Darüber wird es für mich zu teuer“, sagt sie.

Gegründet wurde die Firma von Polina Schlichts Vater Michael. Mittlerweile hat sie Niederlassungen in Moskau, Kiew, Los Angeles und seit drei Jahren auch in Berlin. Mit Vorliebe bringt das Team große Independent-Filme wie „I, Tonya“, „Molly’s Game“ und „Atomic Blonde“ in die Ukraine und andere osteuropäische Länder. „Independent“ bedeutet in diesem Fall, dass die Filme unabhängig von Studioriesen wie Universal, Warner oder Disney entstanden sind.

Die Filmbranche ist Polina Schlichts Welt. Früher hat sie für einen Investmentfonds gearbeitet, aber das war nichts für sie. Jetzt ist ihr Terminkalender noch voller, besonders während der Berlinale: Ihr Tag fängt am Vormittag an, Meetings im Halbstundentakt, von einem Standort zum anderen, abends Geschäftsessen, danach die obligatorischen Partys – nicht zum Feiern, sondern zum Kontakteknüpfen.

Für diesen Tag auf dem Filmmarkt hat die 32-Jährige, die zweisprachig in Berlin und Moskau aufgewachsen ist, ihre blonden Haare streng nach hinten gebunden. Das Meeting im Marriott findet auf Englisch statt, alles überaus freundlich. Die Sales-Agentin macht aber auch klar, dass keine Details über die angebotenen Filme in die Zeitung gelangen dürfen. Manche von ihnen haben noch nicht mal einen Hauptdarsteller.

„Der Krieg hat uns neue Möglichkeiten gegeben“

Solche Filme sind uninteressant für Polina Schlicht. Auch bei jenen, die fertig abgedreht sind, bleibt sie vorsichtig. Es könnten Ladenhüter dabei sein, die auf anderen Filmmärkten keinen Abnehmer gefunden haben. In Cannes zum Beispiel, in Toronto oder beim American Film Market in Kalifornien. Dort findet Monumental Pictures Produktionen, die die Ukrainer ins Kino locken sollen.

Für das Unternehmen hat sich mit dem Ukraine-Konflikt eine „Nische“ aufgetan, wie Polina Schlicht es formuliert. Vorher gelangten die Rechte für große Filme nahezu komplett über Russland ins Land. „Die ukrainischen Filmverleiher waren selbst nicht aktiv auf Filmsuche“, erklärt sie. Doch diese Verbindung ist nun gekappt. Darin sieht Schlicht eine Chance: „So makaber es klingt: Der Krieg hat uns neue Möglichkeiten gegeben“, sagt sie und tritt auf den Hotelflur.

Menschen im Business-Look hasten vorbei und biegen in andere Suiten ab. In jeder geöffneten Tür das gleiche Szenario: Filmposter, Flachbildschirme, Stimmengewirr. Für Polina Schlicht ist es Zeit weiterzuziehen. Vor dem Hotel wartet ein Filmmarkt-Shuttle, der sie zum Gropius-Bau bringt. Zu den nächsten Filmschnipseln, dem nächsten professionellen Lächeln.

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