Eine Bewegung aus dem Nichts

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Ex-Komiker Beppe Grillo : Der Mann, dem das Lachen verging
Petra Reski

Von seinem Weblog lancierte Grillo die Idee der „Meet-ups“: kleine, renitente Zellen, Hilfe zur Selbsthilfe im Kampf gegen Umweltverschmutzung, Korruption, Mafia. Im Jahr 2005 kam es in Turin zum ersten nationalen Treffen. Von dem kaum jemand Notiz nahm. Jedenfalls niemand von Italiens Politkaste und den ihr zur Verfügung stehenden Zeitungen : „Il Giornale“ und „Libero“ gehören Silvio Berlusconi, die „Repubblica“ und der „Espresso“ gehören dem linksliberalen Finanzier Carlo De Benedetti, Ex-Chef von Olivetti und Fiat, die Familie Agnelli hält sich die Turiner „Stampa“, und die Wirtschaftszeitung „Il sole 24 Ore“ gehört dem italienischen Unternehmerverband. Die „Unità“, ehemalige Parteizeitung der Kommunistischen Partei, gehört einem der reichsten Männer Italiens, dem Unternehmer Renato Soru, Ex-Präsident der Region Sardinien, Gründer der Telekommunikationsfirma Tiscali. Bis auf einen sind alle Privatsender im Berlusconis Besitz, die RAI gehört demjenigen, der gerade die Macht hat, im Zweifel also auch Berlusconi – da mag es nicht erstaunen, dass das Ergebnis eine systematische Desinformation ist. Die auch noch mit staatlichen Geldern subventioniert wird. Die einzige Zeitung, die auf diese Subventionen verzichtet, ist die von einer Handvoll Investigativjournalisten gegründete Zeitung „Il Fatto Quotidiano“.

Als sich bei dem ersten Vaffanculo-Day (Haut-ab-ihr-Ärsche-Tag) 2007 50 000 Italiener versammelten, um die Parteien per Petition dazu aufzufordern, vorbestraften Parlamentariern das Mandat zu entziehen, rangen sich die Zeitungen ein paar Zeilen über diese Kuriosität ab. „Repubblica“-Herausgeber Eugenio Scalfari schauderte und schrieb: „Hinter dem Grillismus sehe ich widerwärtigste Law and Order; ich sehe dahinter die Diktatur“, der „Espresso“ fühlte sich an Mussolini erinnert. Der „Corriere della Sera“ bezeichnete Grillo als „Person mit brutaler Gier“ und die „Stampa“ beschied: „In einem normalen Land wäre der V-Day auf den Unterhaltungsseiten besprochen worden.“

Als Grillo bei dem nächsten V-Day auch noch forderte, die Subventionen für die Presse zu streichen, war kein Halten mehr: Berlusconis „Giornale“ titelte: „Benito Grillo“, und die „Repubblica“ beschwor seinen Untergang: „Grillo ist schon am Ende, er bringt nicht mehr zum Lachen.“ Nachdem erste Vertreter der Fünf-Sterne-Bewegung in Gemeinden, Stadtverwaltungen und Regionalparlamente eingezogen waren, wurde der Ton schärfer: „Globalisierungsgegner und Gewalttäter: So bereitet Grillo den Putsch vor“ schrieb das „Giornale“.

Kurz vor den Wahlen steigerten sich die Zeitungen in ein wahres Fünf-Sterne-Delirium, das man hätte belächeln können – wenn die Diffamierungen nicht in Copy-and-Paste-Manier auch in Deutschland angekommen wären. Kaum eine deutsche Zeitung berichtete über das neue politische Phänomen, ohne es als „populistisch“ und „antipolitisch“ zu verdammen. Aus der „Welt“ war zu erfahren, dass Beppe Grillo einen „wüsten Hass auf die ‚Schmarotzer‘ da oben“ predige, weshalb das Blatt vor einem „Tsunami der Politclowns“ warnte: „Fünf Sterne existiert erst seit dem Jahr 2009, die Bewegung kommt quasi aus dem Nichts. Ihre Anhänger gehörten meist nicht einer anderen Partei an, sondern sind in überwiegender Zahl Bürger ohne politische Erfahrung, die nun antreten, um die Geschicke des Gemeinwesens zu verändern“. Die „Zeit“ wusste: „Italien hat sich verwählt“, als es für Beppe Grillo, den „windigen Stimmenfänger“ stimmte. Die „SZ“ wusste bald, dass die Bewegung zwar aufräumen, aber keine Verantwortung übernehmen wolle.

Da kann man Peer Steinbrück nicht verübeln, dass er sich, offenbar nach intensiver Presselektüre, beflügelt fühlte, von zwei „Clowns“ zu sprechen. Auch der FDP-Europaparlamentarier und Außenpolitikexperte Alexander Graf Lambsdorff stellte fest: „Es fällt schwer, in diesem Ergebnis die Klugheit des Wählers zu erkennen“ und wurde von der FAZ sekundiert: „Wir alle wollen nur stabile Verhältnisse in Italien und, frei nach Schäuble, Politiker, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Und wenn nicht, dann sind sie halt Clowns.“ Ja, die Klugheit, die Klugheit! Verflixt und zugenäht! Offenbar ist sie nur in deutschen Köpfen zu finden. Eines ist sicher: Der größte Verlierer dieser Wahlen ist der Journalismus. In Italien. Und in Deutschland. Auch das ist Europa.

Petra Reski ist Journalistin und Schriftstellerin. Sie lebt seit 1991 in Venedig. Zuletzt erschien von ihr „Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland“ bei Hoffmann & Campe.

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