Farben des Sommers (7) : Grünes Leuchten

Der grüne Blitz fasziniert Künstler und Wissenschaftler gleichermaßen. Auch das Internet ist voll von dem mysteriösen Naturschauspiel. Unsere Autorin spürt ihm nach.

Reines, flimmerndes Gold. Ein grünes Leuchten bei San Fransicso.
Reines, flimmerndes Gold. Ein grünes Leuchten bei San Fransicso.Foto: Brocken Inaglory/GNU Free Documentation License

Meistens gibt es einen Dunststreifen, eine wolkige Barriere. Nur manchmal ist die Luft lupenrein und die Sonne badet im Ozean, bevor sie versinkt. Dann zerfließt sie auf dem Wasser, wird reines, flimmerndes Gold. Und die Welt brennt, bis der letzte Strahl aufblitzt. Manche sagen, der Strahl wäre grün. Das grüne Leuchten, der grüne Blitz, es ist ein Naturschauspiel, ein Mysterium. Jules Verne hat einen Roman darüber geschrieben, Eric Rohmer einen Film darüber gedreht, aber so dunststreifenfrei der Himmel auch sein mag, bei mir hat es noch nie geblitzt. Höchstens dass der Sonnenrand etwas ausfranst, in Regenbogenfarben, doch grün? Die Physik erklärt das optische Phänomen prosaisch mit Lichtbrechung. Künstler haben es gefilmt, Youtube versammelt Dutzende Varianten. Aber Grünfärben kann jedes Kind. Youtube ist nicht die Wirklichkeit.

Apropos Medien: Miss Helena Campbell, die junge Heldin aus Jules Vernes Roman „Das grüne Leuchten“, hat in der Zeitung davon gelesen. Diese wunderbare Erscheinung sei „von einem Farbton, wie ihn kein Maler auf seiner Palette erzeugen kann, einem Grün, das die Natur selbst weder in der so verschiedenen Färbung der Pflanzen noch in der der klarsten, durchsichtigsten Meere jemals wieder in gleicher Nuance hervorbringt“, steht in der „Morning Post“. Wenn es im Paradies Grün gibt, könne es nur so sein, „das wirkliche Grün der Hoffnung“.

Sehnsucht ist, was einem entwischt

Die schöne Helena will erst heiraten, wenn sie das grüne Leuchten gesehen hat. Wer den Strahl nur ein einziges Mal wahrnimmt, der kann „sich in Herzenssachen nicht mehr täuschen“. Man sieht nur mit den Augen gut? Ausgerechnet diese Fata Morgana der Weltmeere, dieses schon vor den Zeiten der Luftverschmutzung seltene Naturwunder soll Schutz vor Illusionen bieten. Am Ende erspäht Miss Campbell den Strahl auf den Hebriden. Beziehungsweise alle ihre Reisebegleiter starren hin und sind verzaubert, während sie nur Augen für den Mann ihrer Träume hat. Chance verpasst, Liebe gefunden.

Das Buch von 1882 gilt als der einzige Liebesroman des Science-Fiction-Autors. Aber ist die Liebe nicht selber ein Wechsel auf die Zukunft? Glückssache und Hoffnungsschimmer, wie das grüne Licht am anderen Ufer in „Der große Gatsby“? Er „glaubte an das grüne Licht, an die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht,“ heißt es zum Schluss von F. Scott Fitzgeralds Romanklassiker. Auch die Heldin von Eric Rohmers Film aus dem Jahr 1986, die Pariser Sekretärin Delphine, möchte sich gerne verlieben. Alle fahren in die Sommerferien, aber Delphine mag die Berge nicht, und am überfüllten Strand von Biarritz ist sie doppelt allein. Erst als sie aufgibt, taucht der Richtige auf. Und das Meer leuchtet.

Oder leuchtet es nur im Auge der Betrachterin? Sehnsucht ist, was einem entwischt. Ich kenne keine, die das grüne Leuchten mit eigenen Augen gesehen hat.

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