"Fehlstart" von Marion Messina : Frankreichs Jugend hat keine Chance

Tristesse totale: Die junge französische Schriftstellerin Marion Messina erzählt in ihrem Roman „Fehlstart“ von einer verlorenen Generation.

Soziologisch motiviert. Die 30-jährige französische Journalistin und Schriftstellerin Marion Messina.
Soziologisch motiviert. Die 30-jährige französische Journalistin und Schriftstellerin Marion Messina.Le dilettante/Hanser Verlag

Es kommt zurzeit viel gute Literatur aus Frankreich; eine Literatur, die anders ist als die deutschsprachige, gesellschaftskritischer, die gesamte Gesellschaft in den Blick nehmend, soziologisch motiviert.

Man denke an die Bücher von Annie Ernaux, Édouard Louis oder Didier Eribon, an die von Nicolas Mathieu, Yannick Haenel oder Virginie Despentes. Und natürlich, betont provokant, an die von Michel Houellebecq.

Sehr gut ein fügt sich in diese Reihe der Debütroman der 1990 in Grenoble geborenen Journalistin Marion Messina, „Fehlstart“. (Hanser Verlag, München 2020.166 S., 18 €.)

Der handelt von dem 24 Jahre alten kolumbianischen Literaturstudenten Alejandro und der 19-jährigen, aus einer Arbeiterfamilie stammenden Aurélie, die in Grenoble gerade ihr Jurastudium aufgenommen hat. Sie lernen sich kennen, aber nicht lieben, in jedem Fall sind sie sich irgendwie sympathisch und haben guten Sex.

Marion Messina stellt Alejandro so vor: „Er führte ein in finanzieller Hinsicht maximal bohèmehaftes, in literarischer Hinsicht wiederum maximal langweiliges Dasein.“ Und sie: „Aurélie war eine saubere, gute erzogene junge Frau, die in einer Sozialwohnungssiedlung in der Vorstadt Fontaine aufgewachsen war und das Viertel nie verlassen hatte.“

Das Bildungssystem in Frankreich hat enorme Schwachstellen

Und diese Beziehung: „Sie sprachen nur wenig und waren beide froh, nicht so tun zu müssen, als würden sie Konversation machen. Die Beziehungen zwischen Individuen waren immer eigennützig und dienten dazu, eine Leere zu füllen, die Zeit totzuschlagen oder Sex zu haben.“

In diesem nüchternen, vorzugsweise analytischen, von Claudia Steinitz schön elastisch federnd übertragenen Stil erzählt Messina die kurze Geschichte ihrer beiden Helden. Die verlieren sich in Lyon, wohin er zunächst geht, und Paris, wohin sie es zieht, aus den Augen, um sich dann erneut zu begegnen.

Sie wohnt in einer Jugendherberge, schläft in einem Sechs-Betten-Saal, lernt andere Männer kennen und schlägt sich als Empfangsdame mit Mindestlohn gerade mal so durch; eine eigene Wohnung hat sie nicht in Aussicht, weil sie kaum Zeit findet, diese zu suchen, geschweige, dass sie sich eine akzeptable leisten könnte.

Er wiederum wohnt gewissermaßen im Schichtwechsel, arbeitet nachts als Kellner und tagsüber als Spanisch-Lehrer. Was er sicher weiß: eine Rückkehr nach Kolumbien kommt nicht infrage.

Bei der Beschreibung des Pariser Daseins von Aurélie und Alejandro (aber auch von Aurélies Liebhaber Franck und eines weiteren Freundes namens Benjamin) lässt Messina keine Gelegenheit aus, das französische Bildungssystem in Grund und Boden zu kritisieren: die Niveaulosigkeit hier, das Züchten von Eliten dort; die Chancengleichheit hier, die nichts anderes als eine Chimäre ist, die Annäherung der Klassen dort, die sich höchstens in ihrer Kleidung unterscheiden.

"Fehlstart" ist auch eine soziologische Betrachtung

Im Visier hat junge Autorin ebenfalls die Lebensfeindlichkeit („Für Familien gab es keinen Platz mehr, die Lebensorte waren trostlos geworden.“) sowie den Lifestyle der französischen Hauptstadt,„dieses Musterdorfes“, wie sie es nennt: „Die Leute hatten kein Alter mehr. Alle Generationen vereinten sich beim Feiern...“

Tristesse totale, muss man wohl sagen. Dass bei diesen miesen Lebensverhältnissen, diesem urbanen Überlebenskampf auch die menschlichen Beziehungen in die Brüche gehen, als solche gar nicht wahrgenommen werden oder primär zweckoptimiert sind, versteht sich von selbst.

Allerdings fragt man sich bei der Lektüre bisweilen, ob Marion Messinas Roman eine wirklich zwingende Geschichte erzählt. Oder ob das Ganze nicht doch mehr ein etwas zu lang geratener Essay über eine verlorene Generation ist.

Von einer Entwicklung der Figuren kann in „Fehlstart“ keine Rede sein; die Redundanzen haben ihre eigene Logik, sind womöglich gar ein Stilmittel – so wie bestimmte Wörter, die im Text kursiviert sind, um ihre Leere und Floskelhaftigkeit hervorzuheben.

„Fehlstart“ ist weniger ein Coming-of-Age- oder Bildungsroman als eine schonungslose soziologische Betrachtung. Als solche hat „Fehlstart“ viele gelungene Passagen.

Umso deprimierender, dass jemand wie Aurélie mit gerade einmal zwanzig Jahren schon ziemlich kaputt wirkt, am Ende ihres Lebens, ohne Drogen, ohne eigene Schuld, ohne entscheidende Fehlschläge.

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