"Feminista,Baby!" am Deutschen Theater : Wenn der Vaginaneid wütet

Marilyn Monroe, Christiane Rösinger - und Jürgen Kuttner in Badeschlappen: „Feminista, Baby!“ am Deutschen Theater ist ironisch und nicht blöd.

Szene aus Feminista, Baby! mit Jürgen Kuttner (l.)
Szene aus Feminista, Baby! mit Jürgen Kuttner (l.)Foto: Arno Declair

„Der Mann ist eine biologische Katastrophe“, plaudert der Schauspieler Bernd Moss gut gelaunt über die Rampe der DT- Kammerspiele. „Das männliche Y-Chromosom ist ein unvollständiges weibliches X-Chromosom. Mit anderen Worten: Der Mann ist eine unvollständige Frau.“

Großes Gelächter im Publikum – klar. Moss’ Auftaktmonolog ist quasi das Intro zu einer tiefenentspannten Art von Wohlfühltheaterabend: ironisch und nicht blöd, aber eben auch keinesfalls weltbewegend und sich selbst entsprechend nicht hyperernst nehmend.

Es ist zwar gut möglich, dass die Verfasserin des im besten Sinne schrägen Textes, der hier aufgeführt wird, das selbst ganz anders sähe: Valerie Solanas, die 1968 durch ihr Attentat auf Andy Warhol berühmt wurde. Aber genau darin besteht im Grunde der Reiz ihres radikalfeministischen „SCUM-Manifestos“: Dass es mit brillantem Witz zwischen Schmähschrift und Satire, zwischen Anklage und Parodie, Gesellschaftsanalyse und Publikumsbeschimpfung oszilliert.

Vertrauen auf das Irritationspotential

Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, die dieses Schriftstück nun knapp 50 Jahre nach seinem Erscheinen wieder ausgegraben haben und unter dem Motto „Feminista, Baby!“ lässig auf die Kammerbühne werfen, versuchen sich auch gar nicht erst an einer Einordnung und verkneifen sich zudem feministische Tagesaktualitätsbezüge in Richtung Frauenquote, Weinstein etc. Stattdessen vertrauen sie voll auf das Irritationspotenzial, das sich durch dieses Oszillieren auftut: Sicher nicht die schlechteste Entscheidung; zumal anno 2017, vor dem Hintergrund völlig anders gelagerter Feminismus-Diskurse.

Klar, dass Solanas’ Manifest oft als Parodie auf die Psychoanalyse gelesen worden ist: Wo Freud vom weiblichen „Penisneid“ spricht, dreht die Autorin die Vorzeichen kurzerhand um und attestiert dem männlichen Geschlecht „Vaginaneid“. Dass sich das Schauspielertrio – neben Bernd Moss Jörg Pose und Markwart Müller-Elmau – eingangs an einer Art weiblicher Ikonenwerdung versucht, liegt also nahe.

Bevor es richtig losgeht, wird formgebende Sixties-Shapewear über die Boxershorts gestreift und zum spektakulären Weißen gegriffen: Als dreifache Marilyn Monroe posieren die Akteure fortan gern auf der silberglitzernden Show-Wendeltreppe, auf der auch schon Christiane Rösinger steht und den Abend – schlagzeugbegleitet von Andreas Spechtl – zwischendurch mit Songs von der „Pärchenlüge“ oder dem „Joy of Aging“ zum Konzert hochgroovt.

Kuttner in Badeschlappen

Mit besonders spektakulären Regie- Ideen wartet der Abend im Übrigen nicht auf: Oft wird einfach an der Rampe gestanden und mehr oder weniger Gehaltvolles, zumeist aber irgendwie Gewitztes zum Besten gegeben. Zum Beispiel über den Beischlaf: „Sex ist das Asyl der Bewusstlosen.“ Zwischendurch tritt Regisseur Kuttner himself mit halbseidener Glitzerhose und Badeschlappen durch eine Bodenluke auf, um Passagen aus der 80er-Jahre- Horrorkomödie „Die Hexen von Eastwick“ zu playbacken.

Der Höhepunkt des Abends besteht allerdings in der tonlosen Videoeinspielung der legendären Elefantenrunde vom Wahlabend 2005. So, wie Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Angela Merkel hier von den Schauspielern mit Solanas-Texten unterlegt werden, gewinnt der viel zitierte Geschlechterkampf tatsächlich völlig neue Komplexitätsdimensionen, über die man – selten genug passiert’s ja – tatsächlich auch noch lachen kann.

"Feminista,Baby!" wieder am 23. und 29. Oktober am Deutschen Theater.

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