Festival „Open Spaces" : Tanz auf dem Minengelände

Drei Berliner Choreografen zeigen neue Arbeiten in den Uferstudios. Sie eint das Misstrauen gegenüber dem Sichtbaren.

Live-Comic. Sängerin Lynn Suemitsu im Stil einer Manga-Figur.
Live-Comic. Sängerin Lynn Suemitsu im Stil einer Manga-Figur.Foto: Dieter Hartwig

Wer das Uferstudio 4 betritt, hat das Gefühl, mitten in eine Probe zu platzen. Hyoung-Min Kim markiert eine kurze Bewegungssequenz, Kollege Gabriel Galindez Cruz gibt Feedback. Ganz unaufgeregt beginnt die Performance „I am not on the blacklist“ beim Festival „Open Spaces“. Die Tanzfabrik zeigt drei Premieren von Berliner Choreografen an einem Abend. Was sie eint, ist das Misstrauen gegenüber dem Sichtbaren.

In „I am not on the blacklist“ soll es um (Selbst-)Zensur gehen. Dass die Tänzer sich hier auf vermintem Gelände bewegen, zeigt ein Lichtwechsel an. Bei grün sind sie in der sicheren Zone, flammt aber ein weißes Licht auf, haben sie eine unsichtbare Schranke übertreten. Unentwegt probieren die beiden aus, was erlaubt ist und was nicht. Dabei versuchen sie, sich innerlich leer zu machen, um keine Reibung entstehen zu lassen. Um was für Grenzüberschreitungen es sich handelt, bleibt aber offen. Der Dialog schlägt um in Machtspiele. Er richtet den Scheinwerfer auf sie und treibt sie in die Ecke. Sie dreht den Spieß um. Doch der Versuch, für das Thema Zensur ein körperliches Äquivalent zu finden, überzeugt nicht. Erst durch einen Monolog von Cruz wird das Stück politisch aufgeladen. Da überträgt er die Landkarte seiner Heimat Kolumbien auf seinen Körper – und deutet auf die Orte, an denen politische Aktivisten ermordet wurden. Bei Nummer 191 hört er auf zu zählen.

Live-Comic und verblasener Kunst-Diskurs

Der Choreograf und bildende Künstler Julian Weber thematisiert in „Sight Seeing“ die Angst vor der Unsichtbarkeit im digitalen Zeitalter. Anfangs kriecht er auf allen vieren über die Bühne. Der Sklave wird zum Dominator, stelzt auf Metall-Füßen, zwängt den Kopf in ein Gestänge und beginnt mit verfremdeter Stimme seine Ansprache ans Publikum. Ein Zwillingspaar, das mit seinen verformten Schädeln wie Klone anmutet, läuft stauend über die steril weiße Bühne. Die Lethargie der Klone kontrastiert mit der Hyperaktivität Webers. Überall stellt er Falt-Reflektoren auf, hinter denen die Performer verschwinden. Nicht zu übersehen ist Sängerin Lynn Suemitsu, die als Manga-Figur gestylt ist. Sie trägt drei selbst komponierte Songs vor, die wie Mädchen-Pop aus Japan klingen. „Sight Seeing“ ist beides: Live-Comic und verblasener Kunst-Diskurs.

Ixchel Mendoza Hernandez verwischt in „The Twofold Paradox“ die Grenzen zwischen Wahrnehmung und Imagination. Auf der Bühne sieht man zwei identische Räume, die verwüstet wurden. Hernández und Enrico Ticconi als Figuren A und B stellen die Ordnung wieder her, kommentiert von der Stimme eines Erzählers. Es bleibt dann der Fantasie des Zuschauers überlassen, aus den visuellen Zeichen einer Geschichte zu konstruieren. Geheimnisvolle Musik und Lichteffekte kreieren eine mysteriöse Atmosphäre. Hernández gelingen einige suggestive Momente, doch die Strategie aus Mystifikation und Verdunkelung ist recht durchschaubar.

„Open Spaces“: 4.11., 19 und 20.30 Uhr in den Uferstudios

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