Festival "Tanz im August" : Ein Abend für Merce Cunningham

Die US-Choreografielegende Merce Cunningham wäre dieses Jahr 100 geworden. Das Festival „Tanz im August“ gratuliert in der Volksbühne.

Der 2009 verstorbene Choreograf Merce Cunnigham im Jahr 2005.
Der 2009 verstorbene Choreograf Merce Cunnigham im Jahr 2005.Foto: dpa/Rob Gilhool

Kaum jemand hat den Tanz im 20. Jahrhundert so geprägt wie Merce Cunningham. Auf der ganzen Welt wird in diesem Jahr der 100. Geburtstag des 2009 verstorbenen amerikanischen Choreografen gefeiert. Auch „Tanz im August“ beteiligt sich am Centennial mit einem dreiteiligen Abend. Wenn sich der Vorhang in der Volksbühne hebt, wird man sogleich hineingezogen in eine magische Welt. „RainForest“ von 1968, eines der ikonischen Werke Cunninghams, wird getanzt vom CNN – Ballet de Lorraine. Andy Warhol hat dafür die berühmten Silberkissen entworfen. Sie muten an wie Wolken über den Köpfen der Tänzer, schweben aber auch wie luftige Hindernisse über dem Boden, kumulieren sich zu wechselnden Gebilden. Sobald einer der Tänzer mit einem der heliumgefüllten Kissen in Berührung kommt, steigt es auf. Völlig schwerelos setzt es sich in Bewegung. Durch die Kissen kommt ein Moment des Unkalkulierbaren in die Choreografie, so wie Cunningham es liebte. Sie verleihen der Performance zudem eine berückende Leichtigkeit. Nicht nur einen Tanz der Wolkenschaufler kann man bewundern. Die sechs Tänzer in malerisch zerrissenen, hautfarbenen Trikots muten wie eine Kreuzung aus Mensch und Tier an. Auch die elektronische Musik von David Tudor lässt an Schreie von Vögeln oder an Walgesänge denken.

Die Aktionen haben etwas lustvoll Anarchisches

„Sounddance“ von 1970 gehört ebenfalls zu den ikonischen Werken Cunninghams. Er schuf es, nachdem er neun Wochen mit dem Ballett der Pariser Oper zusammengearbeitet hatte, was nicht ohne Konflikte ablief. Der sandfarbene Vorhang ist natürlich pure Ironie. Denn „Sounddance“ ist Antithese zur Strenge des klassischen Balletts. Die Aktionen haben etwas lustvoll Anarchisches, muten schon mal wie übermütige Kinderspiele an – zugleich wirken sie extrem artifiziell. Das Werk veranschaulicht sehr schön den Pioniergeist Cunninghams. Ihm ging es um die reine Bewegungsforschung, in seinen Choreografien ist er immer wieder zu verblüffenden Lösungen gelangt. Die Bewegungsmuster von „Sounddance“ mit Kippfiguren und Schräglagen werden immer komplexer, sodass man gar nicht alle Details wahrnehmen kann. Die Tänzer des Ballet de Lorraine sind superb, in ihrer Interpretation wirken die Werke Cunninghams frisch und ungemein radikal.

[noch einmal an diesem Samstag, 24.8. und am morgigen Sonntag, 25.8., jeweils 19 Uhr, Volksbühne]

Cunningham hat in seinem bahnbrechenden Werk „Story“ (1963) mit Zufallsverfahren experimentiert. Einige Sequenzen sind verloren gegangen. Das Dance On Ensemble kombiniert in „Berlin Story“ Originales mit neuem Bewegungsmaterial. Der Berliner Künstler John Bock stellt sich ans Bügelbrett, zieht mit dadaistischen Aktionen Blicke auf sich. Auch die drei Livemusiker sind toll. Die Tänzer probieren Klamotten an, die ihnen zu groß sind, was fast symbolisch wirkt. Auch ein merkwürdiger Koffer – wir sind ja in Berlin – wird herumgereicht. Die Soli sind manchmal schräg, manchmal werden die Bewegungen brav durchdekliniert, ohne sie ins Absurde kippen zu lassen. Dennoch ist dieser Abend ein Höhepunkt von „Tanz im August“.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!