Kultur : Feuerwerk der Psyche

Sie ist der neue Star des deutschen Chansons. Kitty Hoff singt gegen den Mief

Smilja Atanackovic

Vor dem Café Fleury steht in blauer Schürze der Barmann und zündet sich eine Zigarette an. Drinnen herrscht Rauchverbot. Kitty Hoff begrüßt das. Das Fleury in Mitte ist zurzeit ihr Lieblingscafé. Eine weiße geblümte Bluse lugt unter ihrer Jacke hervor und ist perfekt auf das Muster des Retro-Sessels abgestimmt, auf dem sie in der unbeirrt aufrechten Haltung einer Tänzerin sitzt.

Dem „Spiegel“ gilt sie mit ihrer Band Forêt-Noire als „begabteste Vertreterin des neuen deutschen Chansons“, der vor allem durch Annett Louisan an Eigenständigkeit und Beliebtheit gewonnen hat. Doch liegen zwischen Louisan, an der das Lolita-Image haftet, und Hoff, bei der man schon nach dem ersten, 2005 erschienen Album geneigt war, ein „La“ vorauszuschicken, Welten. Kitty Hoff schreibt ihre Songs selbst, was sie davor bewahre, „über Mann, Frau und Techtelmechtel“ singen zu müssen, wie sie spöttisch sagt. Zwar mache sie auch ab und an Lieder, die mit Beziehung zu tun haben, sei aber bemüht immer auch „die größere Dimension zu sehen“.

Auf ihrem zweiten Album „Blick ins Tal“ ist diese Dimension gewissermaßen in den Titel eingewandert. Doch es geht nicht nur um den erhebenden Moment einer von oben nach unten schweifenden Aussicht. Einmal wünschte sie, „es gäbe einen Knall und die Psyche wäre aufgeräumt“, oder sie erkennt, dass die große Freiheit nur allein funktioniert. Stets ist der Anspruch gegenwärtig, sich nicht mit „miefigen Alltagssorgen“ aufzuhalten, sondern ein poetisches Paralleluniversum zu entwerfen. Die „große Ordnung“.

Hin und wieder macht die Sängerin auch Ausflüge ins Surreale wie in „Take Care“, wo sie Messer aus Odessa und selbst geschnitzte Giftpfeile aus St. Moritz zu einer ganz besonderen Liebesbotschaft verschnürt. Das Ganze, in das ständig Jugendstil-Zitate einfließen, nennt sie „Chansonjazzpop“. Sie greift auf Swing, Jazz, Bossa Nova und zuweilen Reggae zurück. „Einzelteile wahrnehmen und überlegen, wie das alles zusammenhängt“, umschreibt sie ihre Methode. Nichts ist dem Zufall überlassen. Darum wundert sie sich nicht über den Szenenapplaus, der bei Konzerten ihre perfekt gesetzten Übergänge und lyrischen Pointen begleitet.

Und dann ist da noch ihre Band Forêt-Noire (auf Deutsch: Schwarzwald). Lu Ferreiro am Piano, Jaques Maintenant am Kontrabass, Gitarrist Phil Marone, Alfons X am Schlagzeug. Hinter den Fantasienamen verbergen sich „studierte Musiker“, wie die Chefin sagt. Ab und an freut sie sich über deren Einfälle, aber reinreden lassen will sie sich nicht. „An Text und Song wird grundsätzlich nichts verändert.“ Das nehmen die vier Jungs so hin.

Die Geschichte von Kitty Hoff und Forêt-Noire beginnt vor sechs Jahren in Berlin. Da kam die zweifache Mutter von Münster in die Großstadt mit einem abgebrochenen Musical-Studium in Essen und Wien, das sei ihr alles „viel zu übergriffig“ gewesen. Das Berliner Nachtleben lässt sie links liegen. Sie sei kein Partyvogel. Stattdessen belegt sie, die bereits mehrere Preise gewonnen hat („Jugend musiziert“, „Bundeswettbewerb Gesang Berlin“), Meisterkurse unter anderem bei der Brecht-Diseuse Gisela May. Und endlich schreibt sie ihre eigenen Chansons. Was ihr dabei hilft? Das Naheliegende. Vater und Mutter spielen beide mehrere Instrumente. Er leitet in seiner Freizeit einen Kammerchor, sie ist Sängerin. Die Tochter wächst mit Chor- und Kammermusik, den Brandenburgischen Konzerten „und all so was“ auf. Ausschlaggebend aber wird 2005 ein Tonstudio-Stipendium der Berliner Senatsverwaltung, bei dem eine Demo-Aufnahme ihrer neu gegründeten Band Forêt-Noire herausspringt.

Ihre Karriere ist das Resultat einer Zielstrebigkeit, die ein optisch-akustisches Gesamtkunstwerk erschaffen will. „Aber für mich hat es sich nie wie eine Zielgerade angefühlt“, sagt sie. Sie mag es nicht, wenn ihr ein Weg vorgezeichnet wird. Den Manager, den sie mal besaß, hat sie gefeuert: „Der hat mich betrogen.“ Da muss sie lachen.

„Blick ins Tal“ von Kitty Hoff und Forêt-Noire ist bei Virgin erschienen.

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