Feuilletongeschichte : Kraft der Erschöpfung

Pseudonym Axel Colly: Die "Neue Rundschau" entdeckt den Philosophen Hans Blumenberg als Feuilletonisten. Die Zeitschriftenkolumne

Schwindelerregendes Niveau. Hans Blumenberg.
Schwindelerregendes Niveau. Hans Blumenberg.Foto: Real Fiction

Das schöne Hirngespinst brauchte genau zwei Jahre, um in die Tat umgesetzt zu werden. „Wir beide werden noch einmal ein ganz wunderbares Feuilleton zusammenmachen“, teilte der Philosoph dem Journalisten mit. „Ich liefere den unverständlichen Teil, der den Eindruck eines schier schwindelerregenden Niveaus macht, Sie den lesbaren, der den Lesern die Illusion erweckt, sie seien diesem Niveau gewachsen.“ Und auch nachdem man die ersten praktischen Erfahrungen miteinander gesammelt hatte, blieb die Vereinbarkeit der Ansprüche ein Dauerthema. „Das Bild Eures Blattes ist ausgesprochen altmodisch, unerfreulich konservativ, wobei ich gar nicht die Hauptlast dem Format zuschieben will. Die Aufmachung gibt schon zu verstehen, dass man hier die Regression geistig schon eingebaut hat.“

Der Grundkonflikt klingt ausgesprochen heutig. Er ist in diesem Fall aber 70 Jahre alt, und seine Protagonisten sind der spätere Münsteraner Ordinarius Hans Blumenberg (1920 – 1996), der Kulturredakteur Alfons Neukirchen, der Pate seines Sohnes Caspar, und die „Düsseldorfer Nachrichten“. Gut drei Jahre lang, von 1952 an, lieferte Blumenberg unter dem Pseudonym Axel Colly kulturkritische Betrachtungen, dazu gezeichnete oder als „Bb“ gekürzelte Beiträge. Mitunter verkaufte er sie zugleich an die „Bremer Nachrichten“, die er gegenüber Neukirchen als Druckmittel einsetzte, wenn man in Düsseldorf mal wieder nicht so wollte, wie er wollte.

Für Blumenberg, der sich 1950 mit einer Arbeit über Husserl habilitiert hatte, doch erst 1958 in Hamburg eine erste Professur antrat, waren die Texte ein Zubrot – und eine Ablenkung von seinen ausstehenden Hauptwerken, die er offenbar als alpine Aufgabe am Horizont aufragen sah. Es gefiel ihm, „durch Hergabe der letzten Kräfte frische Kraft zu schöpfen“, wie er Neukirchen gestand, nachdem dieser feuilletonintern an den Rand gedrängt worden war und Blumenberg ohnehin grundfrustriert den Zeitungsbettel hingeschmissen hatte.

Mentalitätsgeschichte des Feuilletons

Die „Neue Rundschau“ (2018/4, 15 €) hat Blumenbergs frühe Feuilletons auf 120 konzis eingeleiteten Seiten nun noch einmal ausgegraben. Ihre Veröffentlichung ist ein Nebenprodukt der Editionsarbeit, die Alexander Schmitz und Bernd Stiegler als Herausgeber der 2017 bei Suhrkamp erschienenen „Schriften zur Literatur 1945 – 1958“ geleistet haben. In ihrer thematischen Weite leuchten diese Kritiken und Essays nicht zuletzt aus, aus welchen Quellen der Stilist Blumenberg schöpfte: Zwischen Graham Greene und Ernest Hemingway, Paul Claudel und Alain Robbe-Grillet, Franz Kafka und Ernst Jünger äußerte er sich über vieles – die jüngsten Tendenzen des „Negerromans“ eingeschlossen.

Seine Glossen zur Zeit sind dagegen vor allem mit Blick auf die Mentalitätsgeschichte des Feuilletons ergiebig. Die Sticheleien gegen die Meinungsforschung (als moderner Nachfahrin der Propaganda), seine Skepsis gegenüber einer vermeintlich allmächtigen Medizin im Angesicht fortbestehender menschlicher Ohnmacht, sein Einspruch gegen den bloßen Behaviorismus des Kinsey-Reports oder sein Misstrauen in die Segnungen des aufkommenden Massentourismus: Das alles trifft mit einzelnen Beobachtungen noch immer ins Schwarze. Der Ton aber hat Patina angesetzt.

Gleich Blumenbergs unter Klarnamen veröffentlichtes Debüt, ein antikulturpessimistisches „Plädoyer für diese Zeit“, prunkt in wolkiger Weitschweifigkeit mit Bildungszitaten, in denen präprofessorale Geste und feuilletonistische Lässigkeit sich wechselseitig verstärken. Selbst auf kürzeren Strecken wird es selten konkret. Auch ohne Ermäßigung im Gedanklichen würde ein solcher Mangel an Faktensättigung und Thesenzuspitzung heute nicht mehr durchgehen. Das Genre des Denkbilds, dem er Jahrzehnte später in „FAZ“ und „NZZ“ feuilletontaugliche Glanzlichter aufsetzte, steht demgegenüber auf literarisch alterungsresistenteren Beinen. Zumindest Axel Colly war für Blumenberg aber auch eine Rolle. Früher als jeder, der sie ihm streitig machen wollte, wusste er, dass er über sie hinauswachsen musste.

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