Film über den Künstler Andy Goldsworthy : Der Mann, der durch die Hecke geht

Andy Goldsworthy versöhnt Kunst und Natur. In seinem neuen Film „Leaning into the Wind“ begleitet Thomas Riedelsheimer den Land-Artist wieder dabei.

Farbfontäne. Andy Goldsworthy liebt das Gelb der Ulmenblätter.
Farbfontäne. Andy Goldsworthy liebt das Gelb der Ulmenblätter.Foto: Piffl Medien

Er lehnt sich gegen den Sturm, oben auf dem Berg, fällt um, steht wieder auf, breitet die Arme aus, lehnt sich abermals gegen den Wind und den peitschenden Regen. Wieder und wieder, bis sie die Balance halten für einen Moment, Andy Goldsworthy und die Naturgewalt. Ein Moment der Klarheit, der Schönheit, des Mysteriums, sagt der britische Land-Artist. Und dass er mit seiner Kunst versucht, die Welt zu verstehen.

Oder er klettert durch die Hecke am Wegrand. Auch das ist Kunst: nicht auf der Straße gehen, sondern sich parallel durch die Hecke wühlen. Der Schritt zur Seite ändert die Perspektive, sagt der 61-Jährige. Und die Gangart. Die Kamera von Thomas Riedelsheimer zeigt Goldsworthys Gestalt in der Hecke, eine Silhouette im Astgewirr, eine Lebendskulptur.

Oder der Künstler legt sich mitten in der Stadt aufs Trottoir, kaum dass der Regen beginnt. Wenn er aufsteht, zeichnen sich seine Körperkonturen auf dem nassen Asphalt ab, ein flüchtiges Negativ, das der Wolkenbruch schnell verwischt.

„Rivers and Tides“ war die erste Kollaboration

2001 hatte Thomas Riedelsheimer die Naturkunstpoesie von Andy Goldsworthy erstmals im Film festgehalten. „Rivers and Tides“, das Porträt eines Suchenden, geriet zauberhaft und farbenfroh, ein wenig dekorativ. Der Film wurde ein Arthouse-Erfolg, mit den kongenialen Soundbites von Fred Frith, hingetupfte Musik zu Goldsworthys Herbstblattwerken.

Zehn Jahre später treffen Riedelsheimer und Goldsworthy sich wieder. Sie fangen erneut an zu drehen, bitten Fred Frith auch um Musik für diesen zweiten Riedelsheimer-Goldsworthy-Film „Leaning into the Wind“. Ein paar Schlaghölzer, etwas Geigenspiel, ein Saxofon, eine Flöte, Motivfetzen, einzelne Töne: Sie bleiben genauso auf sich gestellt wie der Künstler in der Bucht von Morecambe, auf schottischen Schafweiden, im Felsengrab in New England, in einer Pollenstaubwolke in Frankreich oder heillos verstrickt im Schilfgeflecht in Zentralafrika.

Goldsworthy ist älter geworden seit „Rivers and Tides“. Eine Scheidung, eine neue Partnerin, fünf Kinder – er zweifelt inzwischen an Geradlinigkeiten jeglicher Art. Die vielen Ortswechsel sorgen für etwas Verwirrung im Film, aber die Werke – ihre Machart, ihre Aura – sind umso klarer.

Noch immer schichtet der Künstler Mauern aus Steinen auf und Wälle aus Holz, sammelt, pflückt, bindet oder steckt filigrane Objekte aus Halmen und Ästchen zusammen. Er umgarnt abgestorbene Bäume, überbrückt Bachbetten, bringt Weiden zum Trauern. In der Landwirtschaft, wo er als junger Mann gearbeitet hat, lernte er mehr als an der Kunsthochschule, sagt Goldsworthy. Neuerdings schneidet er seine Findlinge aber auch auf, arbeitet mit großen Teams, Kettensägen und schwerem Gerät. Die Gewalt, die Wucht der Natur spielt eine größere Rolle. Und er wird selber zum Teil der Natur wie der Kunst, legt sich in steinerne Kammern und Grabhöhlen hinein, hinterlässt eine Spur in der Landschaft.

Was ist schöner, Kunst oder Natur?

Baumschlangen im Wald: der Gang der Zeit. Die umgestürzte Ulme über dem Bach: Fanal der Vergänglichkeit. Ein schwarzer Schneeball: Trauerarbeit. Blutrote Blütenblätter als Fingerhandschuh: Blendkraft der Farbe. Goldsworthy improvisiert mehr, macht mehr Kunst in Bewegung und weniger pittoreske, gut verkäufliche Fotografie. Sein Werk ist schlichter geworden, offener, weiser vielleicht, flüchtiger und düsterer zugleich . Er zeigt den Schock des Todes, wenn er das leuchtende Gelb der Ulmenblätter feiert und sie unterm Eiswasserfall bei der plötzlichen Verwandlung in rabenschwarze Materie beobachtet. Oder er puzzelt auf einer Steintreppe in der Großstadt gelbe, rote, grüne Streifen aus feuchten Blättern zusammen, schmale Farbbänder als magische Zeichen im indifferenten urbanen Grau.

Was ist schöner, erhabener, unverzichtbarer, die Kunst oder die Natur? Andy Goldsworthy führt die uralte Frage ad absurdum, indem er die vermeintlichen Gegensätze miteinander versöhnt. Sein Film beginnt mit der Schönheit eines handgefertigten Bodens in einer brasilianischen Bauernkate, eines Bodens aus Lehm, Kuhdung und Wasser. Er endet mit dem Mann, der es mit dem Sturm aufnimmt. Es wird kein Kampf daraus, sondern ein Einvernehmen.

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